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Stuttgart - in Sachen Hitzeprävention eine Nasenlänge voraus
Aus Kontext vom 14.05.2019.
abspielen. Laufzeit 19:54 Minuten.
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Luftschneisen und mehr Grün In Stuttgart verbessert die Natur das Stadtklima

Frischluft ist ein Stück Lebensqualität. In der süddeutschen Stadt Stuttgart weiss man das – und lässt die Stadt belüften.

Um zu zeigen, wie Stuttgart stadtklimatologisch tickt, erklimmt die Umweltingenieurin Silke Drautz mit den Besucherinnen und Besuchern endlos lange Treppen. Steil geht’s den durchgrünten Hang hoch, vorbei an Wohnhäusern, Gärten und altem Baumbestand.

Auf halber Höhe bleibt Drautz stehen. Die Besucher erkennen: Stuttgart liegt in einem eindrücklichen Kessel.

Grüne Hügel in und um Stuttgart und Häuser
Legende: Die bewaldeten Hügel und die Grünflächen in der Stadt kühlen Stuttgart, das in einem Kessel liegt. LHS Stuttgart

Im Talgrund hat sich die dichte, steinerne Stadt ausgebreitet, eingefasst von einem grünen Hügelkranz mit lockerer Bebauung. «Stuttgart befindet sich in einer der wärmsten Regionen Deutschlands und hat sehr wenig Wind», erklärt Drautz von der Abteilung Stadtklimatologie.

Wärme und Windarmut

Das milde Klima freut die Stuttgarter Weinbauern. Auch an den grünen Hanglagen wohnt es sich gut. Aber für die Bewohnerinnen und Bewohner der Tallage ist die Kombination aus Wärme und Windarmut anstrengend.

Im Kessel staut sich die warme und schadstoffbelastete Luft. Bereits im Mittelalter wurde über die schlechte Luft geklagt. Darum hat Stuttgart 1938 als erste Stadt einen Meteorologen angestellt und die Abteilung für Stadtklimatologie gegründet.

Weil der Wind fehlt, ist die Stadt auf lokale Durchlüftungssysteme angewiesen. Die grünen Hänge mit den privilegierten Wohnlagen sind für den Luftaustausch wichtig.

Im Hang sind auffällig grüne, vertikale Bänder zu erkennen. Drautz nennt sie «Frischluftschneisen».

Die Kaltluftverteilung über Stuttgart
Legende: Die Kaltluftverteilung in Stuttgart. LHS Stuttgart , Link öffnet in einem neuen Fenster

In der heissen Jahreszeit kühlt sich die bodennahe Luft abends ab und gleitet als träge Masse ins Tal. «Das Hangabluft-System mit zehn Luftschneisen sorgt für die Zufuhr von frischer Luft», sagt Drautz. Die Entdeckung dieser Luftschneisen hat Stuttgart seinem ersten Meteorologen zu verdanken, der 1939 per Zufall auf sie stiess.

Nebel gegen Bomben

Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Stuttgarter Stadtklimatologe den Auftrag, die Stadt künstlich einzunebeln, um Bombenabwürfe zu verhindern. Riesige Nebelschleudern erreichten das Ziel. Aber der Nebel verzog sich an einzelnen Stellen zu rasch. An anderen Orten blieb er hartnäckig hängen.

Für den Stadtklimatologen war klar: Dort, wo die kühle Luftmasse ungehindert den Hang hinuntergleiten konnte, wurde der Nebel weggeweht. Der unfreiwillige stadtklimatologische Grossversuch zeigte zum ersten Mal, dass gerade lokale Windsysteme das Stadtklima beeinflussen und verbessern. Von dieser Entdeckung profitiert Stuttgart heute – und hat Konsequenzen gezogen.

Frischluft hat Vorfahrt

Damit diese Hangluft auch in den nächsten Jahren ungehindert fliessen kann und für lokale Winde sorgt, hat die Abteilung für Stadtklimatologie einen Rahmenplan für die Hanghöhenlagen ausgearbeitet. Er legt die Kaltluftschneisen fest und definiert elf Orte, an denen trotz Verdichtungsdruck nicht gebaut werden sollte.

2007 hat der Gemeinderat diesen Plan für die Hanghöhenlagen verabschiedet. Damit hat er das Signal gesetzt, dass ein anständiges Stadtklima auch bei privaten Bauplänen zu gewichten ist.

Einschränkung des Baurechts

Auch wenn der Rahmenplan nur ein informelles Planungsinstrument ist, zeigt er Wirkung. Als ein Landbesitzer sein Land in einer der Luftschneise als Bauland sichern wollte, entschied das Bundesverwaltungsgericht 2014 zugunsten des Klimas.

Es sei rechtmässig, die bisherigen Baurechte zugunsten des Klimas und Allgemeinwohls einzuschränken. Beim Stadtklima geht in Stuttgart das öffentliche Interesse also vor.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler  (bruggegumper)
    ImKleinbasel hatten einst vorausschauende Stadtplaner die
    Achse Badischer Bahnhof-Mittlere Brücke mit einer breiten
    Strasse,Clarastrasse/Greifengasse freigehalten als Belüftung
    für das ganzr Quartier.Schlaue Stararchitekten haben diese Achse
    mit einem fürchterlichen Querbalken zugebaut,was das alte gute
    Konzept ad Absurdum führt und den gewollten Luftzug verhindert.
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Es gibt ein schönes Buch, die schönsten Wälder der Schweiz, da gibt es 14 Wälder die man sehen kann, wie der Sihlwald oder der Güttinger Eichenwald. Gestern war ich im Stazerwald, vielleicht findet man nirgends bessere Luft als in einem Arvenwald. Die Lärche findet man im Unterland bis an die Baumgrenze, die Arve gibt es aber erst ab ca. 1500 Meter, sie hat feine nichtstechende Nadeln immer 5 am Bund, und das Harz ist ein Antibiotikum an dem die Firma Natur Millionen von Jahren geforscht hat.
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Spannende Ausgangslage und Massnahme. Hoffentlich erkälten sich die Leute an den Luftschneisen nicht ;-)
    Aber häufig stellen alte Bauten auch wirksame klimatechnische Wunderwerke dar die alle ihren Sinn ergeben. Grosse Vordächer, Simsen, kleine Fenster, dicke Mauern. Oft alles den Gegebenheiten angepasste Bauweisen die ohne "Aktivlüftung" oder elektronisch gesteuerter Fassadenbeschattung auskommt.
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