Mit moderner Architektur für Ordnung und Sicherheit sorgen

In Westafrika boomte vor 50 Jahren modernes Bauen: Kongresshallen, Universitäten und Hotels erreichten Weltklasse-Niveau. Daran will die Elfenbeinküste wieder anschliessen – mit der ersten Architekturschule des Landes.

Seit einem Jahr gehören Materialkunde, technisches Zeichnen und Kulturgeschichte auf Zahraas Lehrplan. Die 19-Jährige ist eine von zwanzig Studenten der neu gegründeten Architekturschule Abidjan. «Ich bin sehr stolz. Ich fühle mich wie eine moderne Pionierin», sagt sie. Denn bis dato wurde kein Architekt der Elfenbeinküste im eigenen Land ausgebildet.

Zu wenig Architekten

Zum Architekturstudium ging es bisher ins Ausland, und nicht jeder kam wieder zurück. So sind in der ivorischen Architektenkammer gerade einmal 177 Architekten gemeldet, in einem Land mit 23 Millionen Einwohnern.

Die Leiterin der Architekturschule Sehinabou Doukouré hat in Frankreich studiert: «Wenn unser Land seine gesetzten Entwicklungsziele erreichen will, brauchen wir dringend eine neue Generation ivorischer Architekten.»

Chaos und Stilmix heute

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Architekt Manuel Herz

Der Basler Architekt Manuel Herz arbeitet in der Schweiz sowie in Deutschland. Die architektonische Widersprüchlichkeit junger afrikanischer Staaten hat er in der Ausstellung «Architecture of Independence. African Modernism» festgehalten.

Dazu kommt, dass sich die Elfenbeinküste gerade von zehn Jahren politischer und wirtschaftlicher Krise erholt. Während dieser Zeit vernachlässigte der Staat seine Aufsichtspflicht. «Die Leute haben gebaut wo und wie sie wollten. Das zeigt sich heute im chaotischen Stadtbild und an den Sicherheitsmängeln», erzählt die Schulleiterin.

Wer sich in der Wirtschaftsmetropole Abidjan umschaut, findet vor allem Beton, Wellblech und einen abenteuerlichen Stilmix. Die Stadt wächst jedes Jahr, Wohnraum ist knapp. Gebaut wird schnell und billig. Und ohne Architekten.

Die Moderne der Unabhängigkeit

Dass das nicht immer so war, zeigt die Ausstellung «Architecture of Independence. African Modernism». Die Schau ist momentan als Wanderausstellung in Westafrika zu sehen. Der Basler Architekt Manuel Herz hat 80 Gebäude aus fünf Ländern südlich der Sahara dokumentiert.

«In den 1960er- und 1970er-Jahren holte zum Beispiel der erste Präsident der Elfenbeinküste, Félix Houphouët-Boigny, Architekten aus Frankreich und Italien ins Land. Sie schufen hier Architektur auf Weltklasseniveau», sagt Herz.

Regierungsgebäude, Kongresshallen, Universitäten und Hotels sollten den jungen unabhängigen Staat repräsentieren. Futuristische, gewagte Ideen, die vom aufstrebenden Geist der frühen Unabhängigkeitsjahre zeugen. Die Entwürfe kamen jedoch von Architekten aus dem Ausland, teilweise sogar aus den ehemaligen Kolonialmächten. Die Dokumentation weist auf diese Ambivalenz hin.

Visionen der afrikanischen Stadt

Nach Jahrzehnten des Stillstands boomt der Bausektor an der Elfenbeinküste. «Heute sind wir wieder an einem Punkt der Erneuerung», sagt der ivorische Stararchitekt Issa Diabaté, der in den USA studiert hat. Seine Projekte sind wie Fenster in die architektonische Zukunft seines Heimatlandes.

Er schlägt Quartiere vor, die Wohnen, Arbeiten, Handel und Freizeit integrieren. Das minimiert Verkehrswege, spart Zeit und Geld. Bambus als lokaler Baustoff und Vegetation als natürliche Schattenspender erhöhen die Nachhaltigkeit. «Wir brauchen eine Vision davon, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren leben wollen und wie wir auf die Veränderungen in unserer Gesellschaft reagieren.»

Oasen der Modernität

Ein Beispiel ist die katholische Kirche in Assinie, zwei Autostunden östlich von Abidjan. Massive sattbraune Holzbalken recken sich in einem majestätisch geformten A über die Köpfe der Kirchgemeinde. Sie tragen ein helles Dach aus Wellblech mit integrierten Lüftungsklappen. In der tropischen Hitze lassen sich diese weit öffnen. «Ganz anders als in unserer alten, aus Stein gebauten Kirche», sagt Pfarrer Richard Ehounou. «In der war es wirklich sehr heiss. Jetzt profitieren wir von der natürlichen Luftzirkulation.»

Auch Zahraa und ihre Mitstudenten wollen solche Häuser bauen. In zwei Jahren werden sie ihren Abschluss in den Händen halten. «Wir brauchen Architektur, die das Leben der Menschen hier verbessert», sagt sie, «und nicht zum Problem für sie wird.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 04.10.2016, 06:50 Uhr