Gehör für liberale Muslime Moderate Muslime in Westeuropa werden kaum wahrgenommen

In der Diskussion um Islamismus und Terrorismus hört man vor allem die Lauten und Extremen. Die Leiseren und Differenzierten dagegen gehen unter, obwohl sie mitten unter uns leben. Daran sind auch die Medien nicht unschuldig.

Eine Frau mit Schleier schaut aus einem Fenster. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Leute lassen einander in Ruhe und leben nebeneinander her: Eine muslimische Frau in Berlin-Neukölln. Reuters

  • Liberale Musliminnen und Muslime gehen in der medialen Debatte oft unter.
  • Wer sich als gemässigter Muslim kritisch gegen radikale Muslime äussert, wird angefeindet oder sogar bedroht.
  • Säkulare Muslime fordern ein Bündnis zwischen Gleichgesinnten in der europäischen und muslimischen Welt.

Wer lärmt, macht Schlagzeilen. Das haben die Islamisten begriffen. Doch das Meinungsspektrum von Musliminnen und Muslimen ist viel breiter. Nur die wenigsten von ihnen können mit der Brutalrhetorik der Strenggläubigen etwas anfangen, das geht im Aufmerksamkeitswettbewerb der Medien zu oft unter.

In Tat und Wahrheit existiert nämlich auch in Westeuropa nicht bloss eine muslimische Gesellschaft. Die «Kontext»-Reportage von Rebecca Hillauer aus Berlin etwa offenbart eine Vielzahl anderer, liberaler Meinungen. Etwa die der 21-jährigen Muslimin Sabrina aus Berlin, die in Internet-Foren auf Aussagen stiess, für die sie kein Verständnis hat: «Die ganzen muslimischen Extremisten, wie sie sich geäussert haben: ‹Wir schlitzen euch alle auf!› Das war mir ganz fremd. Warum es Menschen gibt, die meinem Glauben angehören und so etwas fabrizieren, das habe ich wirklich nicht verstanden.»

«Niemand steht uns im Weg»

Ein anderes Beispiel sind die Erfahrungen der alevitischen Kurdin Sema. Sie ist vor 18 Jahren aus der Türkei nach Berlin geflohen, wo sie politisches Asyl erhielt. Sie stört sich daran, wie manche muslimischen Männer in Berlin auftreten: «Das ist kein normales Präsentieren, sondern eher eine Provokation: ‹Wir wollen uns hier zeigen, wir wollen uns verbreiten, niemand steht uns im Weg.›»

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Buchhinweis

Samuel Schirmbeck: «Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen: Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen», Orell Füssli, 2016

Als Sema nach ihrer Flucht einst in Deutschland ankam, habe sie sich darüber gefreut, endlich ihre Freiheit, ihren Raum zu haben. Das habe sich geändert. Am Freitag müsse sie einen Bogen um die nahe Moschee machen, weil sich vor dem Gebäude Männer demonstrativ aufpflanzen: «Sie machen keinen Platz und geben absichtlich den Weg nicht frei.» Sema sagt, sie drückten damit aus: «Hier haben wir die Macht und das Wort!»

Wer sich kritisch äussert, wird angefeindet

Der soziale Druck unter Jugendlichen, in der Schule, in den wenig durchmischten Unterschichtsquartieren wie Berlin-Neukölln sei gross, sagt Gabriele Heinemann, Leiterin eines Treffs für muslimische Mädchen. Die Islamisten würden regelrecht missionieren und den Jugendlichen etwa schicke Autos und Reisen versprechen. Junge Musliminnen, die mit einem Freund gesehen werden, würden als «Schlampen» beschimpft, Lehrerinnen ohne Kopftuch von Schülern für ihr «sündiges Leben» getadelt.

Wer sich als Muslimin, als Muslim öffentlich kritisch gegen die Radikalen äussert, wird angefeindet. Das erlebte Sabrina im Internet, das erlebte auch der Berliner Imam Abdel Adhim Kamouss, der bedroht wurde und seit Wochen in keiner Moschee mehr predigen darf, weil er dies zu wenig radikal tat.

Eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben

Ein Muslim liest den Koran auf einem Tablet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Muslim liest in der Sehitlik-Moschee in Berlin den Koran auf Arabisch und Deutsch. Reuters

Die Attacken in der realen und in der digitalen Welt sorgen dafür, dass sich liberal denkende Muslime sehr genau überlegen, ob sie in der Öffentlichkeit nicht besser schweigen sollen. Es ist bedenklich, dass moderate Musliminnen und Muslime in Westeuropa heute sehr mutig sein müssen, um ihre Meinung zu äussern. Die Aggressivität der Radikalen ist eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben, auch in demokratischen, freiheitlichen Staaten.

Die Islamisten haben in der Berichterstattung – etwa in TV-Talkshows – und in der öffentlichen Diskussion viel Raum erobert. Weshalb? Einerseits räumen wir Journalistinnen und Journalisten ihnen zu viel Platz ein. Dass sie so grosse Beachtung ernten und dadurch Ängste auslösen, schmeichelt ihnen.

Andererseits ist die grosse individuelle Freiheit, die die Menschen in Westeuropa geniessen, in dieser Hinsicht ein Problem: Die Leute lassen einander in Ruhe, leben nebeneinander her, meist ohne sich füreinander zu interessieren. Man wendet die Augen ab und schweigt. Und so bleibt Raum – eben auch für Extremisten. Da müssen wir als Gesellschaft mehr Zivilcourage zeigen.

Ein Bündnis unter Gleichgesinnten

Im September forderten säkulare Muslime aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer Erklärung im Internet eine Reform des Islam im Sinne der europäischen Aufklärung.

Das stimmt den ehemaligen ARD-Nordafrikakorrespondenten Samuel Schirmbeck zuversichtlich: «Die Konfrontation verläuft nicht zwischen Muslimen und Europäern. In der muslimischen Welt und in der europäischen gibt es Gleichgesinnte. Die müssen ein Bündnis schliessen gegen die anderen. Ich denke, das wird über kurz oder lang auch passieren.»

Und die Berliner Kurdin Sema wünscht sich: «Ich möchte, dass die liberalen Menschen mit islamischen Hintergrund auf die Strasse gehen und zeigen: Wir gehören nicht zu diesen radikalen Gruppen!»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 09.12.2016

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