Jeanne Moreau und Miles Davis: «l’Ascenseur pour l‘Echaffaud»

Ein bemerkenswertes Bild: eine junge weisse Frau, eine auffällige, eigenwillige Schönheit in einem hellen Kostüm, in der Hocke. Neben einem stehenden schwarzen Mann in einem dunklen, sportlichen Anzug, der Trompete bläst. Sie schenkt ihm ein warmes Lächeln, er ihr einen durchdringenden Blick.

Jeanne Moreau und Miles Davis, Trompete spielend Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine einzigartige Jazz- und Fotosession am Rande der Nacht. Getty Images

  • Miles Davis improvisiert in einer Nacht einen der besten Soundtracks der Filmgeschichte.
  • Die anschliessende Fotosession sorgt im rassengetrennten Amerika für Aufregung.
  • Für Jeanne Moreau und Miles Davis wird «L’ascenseur pour l’échaffaud» zu einem Wendepunkt.

Music makes a movie

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«Momentaufnahmen»

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Auf Radio SRF 2 Kultur sind die Momentaufnahmen vom 2. bis 6. Januar 2017 zu hören jeweils um 8.20 Uhr.

Diese drei sind die Stars in Louis Malles neuem Film «L’ascenseur pour l’échaffaud» – Fahrstuhl zum Schaffott: Jeanne Moreau, die Hauptdarstellerin des Films, dann Miles Davis, der US-amerikanische Jazzmusiker, und als drittes sein Instrument, die Trompete, die im Film eine Hauptrolle spielt.

Dezember 1957 in Paris, der junge Regisseur Louis Malle hat einen Kriminalroman verfilmt, in dem ein Mord einen weiteren nach sich zieht. Soeben wurde der Streifen vertont. Der Regisseur, der auch ein grosser Jazzfan ist, hatte Glück: der US-amerikanische Startrompeter gastiert gerade in Paris und willigt ein, mit seinen französischen Kollegen die Musik zu dieser Kriminalgeschichte aufzunehmen.

Ein improvisierter Soundtrack – eigentlich undenkbar

Zweimal schaut Miles Davis den Film, dann geht es zur Aufnahme: Von zehn Uhr abends des 4. bis um fünf Uhr früh am 5. Dezember improvisieren die Musiker einen Soundtrack, wie er kongenialer nicht sein könnte. Sparsam, ein kühler Sound, gleichzeitig untermalend und verstörend.

Der Film wird dadurch deutlich aufgewertet, meint auch der Regisseur Louis Malle: «Was er machte, war einfach verblüffend. Er verwandelte den Film. Ich erinnere mich, wie er ohne Musik wirkte; als wir die Tonmischung fertig hatten und die Musik hinzufügten, schien der Film plötzlich brillant. Es war nicht so, dass die Musik die Emotionen vertiefte, die die Bilder und der Dialog vermittelten. Sie wirkte kontrapunktisch, elegisch und irgendwie losgelöst.»

Schwarzer Mann, weisse Frau, welch ein Wagnis!

Nun also diese Fotosession, für die sich die 30jährige französische Schauspielerin und der 31jährige US-amerikanische Musiker einspannen liessen. Ein Spiel der Gegensätze, schwarz-weiss wie der Film: Moreau, diese Schönheit jenseits des Clichés, hell von Kopf bis Fuss, dazu Miles Davis ganz in schwarz.

Die Bilder zeigen Ungewohntes: Die beiden spielen miteinander und mit der Trompete. Die beiden, die sonst jeder auf seine Art gefährlich aussehen, blödeln herum wie ein verliebtes Paar.

In einem anderen Bild der gleichen Session schiebt sie kokett ihre Haare zur Seite, damit er die Trompete mit Dämpferaufsatz direkt auf ihrem Ohr ansetzen kann. Dann sitzt sie und spielt Trompete (oder tut als ob), während er zart ihre Taille umfängt.

Der sonst so stoisch wirkende, statueske Miles Davis wirkt locker, lächelt die Schauspielerin an, wirft sogar einmal einen direkten Blick in die Kamera.

Man kann sich kaum vorstellen, welche Wirkung diese Bilder in seiner Heimat, den noch streng rassengetrennten USA haben konnten. Ein schwarzer Mann, Star oder nicht, und eine weisse Frau – und er lächelt sie an oder berührt er sie sogar? Welch ein Wagnis!

Honi soit qui mal y pense

In diese Bilder eines gespielten Flirt könnte man weit mehr hinein interpetieren. Verbrieft ist aber nur dies: Jeanne Moreau begann zu dieser Zeit eine Affäre mit Louis Malle, dem Regisseur dieses Films.

«L’ascenseur pour l’échaffaud» – ein Kriminalfilm in Schwarzweiss, wurde wegweisend für die Nouvelle Vague des französischen Films. Nicht nur das: Miles Davis fand bei diesem filmischen Projekt die Vorlage für seine nächsten Alben. Und für Jeanne Moreau begann mit diesem Werk – nach neun schlechten Streifen, wie sie selbst sagt – die eigentliche Filmkarriere.