Ich bin seit 21 Jahren Mutter eines Sohnes. Und ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich ihn – zusammen mit meinem Partner – so aufwachsen lasse, dass er gefeit sein würde gegen die Anfeindungen des Lebens, eingehüllt wie in einen Panzer. Und dass dieser Panzer gleichzeitig weich und empfänglich ist für alles Schöne, Lebens- und Liebenswerte. Eine Art «Superman-Lebenskünstler in Marshmallow-Verpackung».
Mutter zu sein, hiess und heisst für mich, ein Zuhause zu bieten – nicht nur in Wänden, sondern im Herzen dieses Sohnes. Und dies alles als ein herausfordernder Balanceakt zwischen Nähe und Freiheit, zwischen Für-sich-Sein und Für-jemanden-Sein.
Auch Emilia Roig, selbst Mutter eines 11-jährigen Sohnes, sieht die Mutterschaft als Balanceakt und schreibt ihm in ihrem Buch «Lieber Sohn oder So rettest du die Welt» (2025): «Meine Vorstellung, dass Fürsorge instinktiv sei, wurde mit deiner Geburt zerstört. Nichts daran war einfach. Stillen war kein magischer Anfang, sondern ein Kampf. Ich war erschöpft, wund, überfordert, aber blieb trotzdem dran. Ich lernte, dass Fürsorge nicht süss ist – sondern heilig und zerstörerisch zugleich. Dass sie kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung. Immer wieder. Jeden Tag.»
Mythos vom «ultimativen Mutterglück»
Roig spricht offen über ihre Erfahrungen mit Mutterschaft, die sie als extrem schwierig und sehr schmerzvoll beschreibt, entgegen der gesellschaftlichen Vorstellung vom «ultimativen Mutterglück» oder dem Mythos der «natürlichen Mutterliebe».
Als feministische Mutter eines Sohnes sieht Roig als grösste Herausforderung, einen Jungen in einer Gesellschaft aufzuziehen, die Männer oft als Problem darstellt und die jene Strukturen stärkt, die Ungleichheit erzeugen – an denen alle beteiligt sind.
«Moral Load» feministischer Mütter
Auch die Autorin Shila Behjat benennt in ihrem Buch «Söhne grossziehen als Feministin» (2024) das Problem: Hier entstehe der sogenannte «Moral Load» feministischer Mütter, die sicherstellen wollen, dass aus ihren Söhnen «keine frauenfeindlichen Idioten werden, sondern aktive Akteure für Gerechtigkeit». Die feministischen Mütter würden sich ständig verantwortlich dafür fühlen, das Richtige, Beste oder moralisch Einwandfreie für das Kind zu tun.
Jede Entscheidung wirke wie eine ethische Prüfung, nicht wie eine pragmatische Wahl. Eltern prägten, welche Art von Männern aus Jungen werden – und damit auch die Gesellschaft. Männlichkeit gelte heute nicht nur als problematisch und vielen als gefährlich, Männlichkeit sei noch dazu auch einfach nicht cool. Es sei nicht cool, Mann zu sein, weil die Bilder, die wir mit Männlichkeit verbinden, uns erschaudern lassen würden oder längst zur Witzvorlage geworden seien.
Insbesondere Mütter müssten ihre eigenen Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragen. Auch feministische Eltern reproduzierten unbewusst stereotype Muster. Behjat fordert eine Neudefinition von Männlichkeit: weg von Dominanz, Leistungsdruck und emotionaler Härte, hin zu Fürsorge, Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein ohne Abwertung anderer.
Mit Tochter «einfacher» als mit Sohn?
Emilia Roig vermutet, dass es für sie als Mutter einer Tochter einfacher gewesen wäre – intuitiver. Wichtig sei es, dass sie ihrem Sohn als feministische Mutter tatsächlich auch genug Raum gebe, damit er sich entfalten könne, ohne ständig mit diesen externen Bildern identifiziert zu werden, die nicht positiv seien.
Ohne Garantie, dass dies auch gelingen würde, erklärt sie im Podcast Zimmer 42: «Aber sollte mein Kind dann später, was ich natürlich nicht hoffe, auch zu einem frauenfeindlichen Arschloch werden, dann werde ich mir natürlich denken, dass ich versagt habe. Aber ich würde auch gerne dann darauf blicken können und mir sagen: Ja, ich war auch nicht allein. Was ist auch mit seinem Vater? Und was ist auch mit den Lehrern, mit seinem Fussballtrainer, mit diesen ganzen Ronaldos oder Andrew Tates?»
Desakralisierte Eltern-Kind-Beziehung
Emilia Roig plädiert für eine «bedingungslose Fürsorge», die allerdings nicht nur von den Eltern oder der Mutter ausgeht, sondern von der gesamten Gesellschaft. Die Mutterrolle, die Eltern-Kind-Beziehung würden idealisiert, um die Institution «Familie» aufrechtzuerhalten. Fürsorge sei dabei weiblich kodiert und entwertet, Heldentum männlich und glorifiziert. Diese Trennung sei kein Naturgesetz, sondern eine Ideologie, die der Aufrechterhaltung einer Ordnung diene, die auf Dominanz basiere.
Sie spricht von einem Schweigepakt in der Gesellschaft. Diese Eltern-Kind-Beziehung müsse weg vom Mythos, also desakralisiert werden: «Fürsorglich zu sein ist nicht immer schön. Es ist meistens auch sehr anstrengend. Es ist undankbar. Es ist auch physisch anstrengend. Es ist eine tägliche Entscheidung. Man muss nicht Mutter sein, um das auch zu lernen. Wir machen das sowieso jeden Tag in der einen oder anderen Form. Wir sorgen füreinander. Wir sind heute alle hier. Wir leben als Menschheit, weil wir fürsorglich sind. Die Fürsorge ist das, was uns am Leben erhält.»
Roigs Fazit: Echte Stärke, echter Mut, echtes Heldentum entstünden nicht im Krieg, nicht in der Eroberung, nicht in der Selbstinszenierung – sondern in der Fürsorge als bedingungsloses Grundrecht.
Was macht nun eine gute Mutter aus?
Ich habe meinen Sohn übrigens auch kurz gefragt, was für ihn eine gute Mutter ausmacht. Die Antwort war ebenso kurz: «Wenn sie immer für mich da ist und zu mir steht, egal, ob ich etwas gut gemacht oder einen Scheiss angestellt habe. Und: Wenn sie mir vielleicht etwas Geld vorschiesst, sollte ich dringend mal eine Corvette C4 benötigen.»
Tja, ich werde vermutlich als halb-gute Mutter in seine Geschichte eingehen.