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Neues Buch Ein intimer Einblick in das Leben von Lesben in der Schweiz

Lesben sind oft unsichtbar, kritisiert die Fotojournalistin Elisabeth Real. Nun hat sie ein Buch über lesbische Frauen in der Schweiz veröffentlicht – und kritisiert den Bischof von Chur.

Zwei Frauen küssen sich auf einem Bett.
Legende: Gesichter und Geschichten: Elisabeth Real zeigt das Leben von Lesben in der Schweiz. Elisabeth Real

Es sind Fotos, die für die Schweiz stehen: die Berge im Kanton Uri. Der Käse. Aber auch die «Swiss»-Maschine, die ein lesbisches Paar zur künstlichen Befruchtung nach Kopenhagen bringt.

Intime Blicke, aber nicht voyeuristisch

Intime Momente diskret einzufangen, ohne vorzuführen oder zur Voyeurin zu werden: Das gelingt der Schweizer Fotojournalistin Elisabeth Real. Sie hat Lesben jahrelang begleitet und Vertrauen zu den Frauen aufgebaut. Die revanchieren sich mit Einblicken ins Privatleben – und in ihre Psyche.

Elisabeth Real zeigt schöne Bilder, blendet die Schattenseiten aber nicht aus. Nach wie vor gebe es keine «Ehe für alle» in der Schweiz, kritisiert Elisabeth Real – und verweist auf Rankings.

Zwei Fraue und ein Baby auf dem Spielplatz.
Legende: Zwei Frauen und ihr Kind: ein Bild, mit dem viele Schweizer noch immer Mühe haben. Elisabeth Real

Demnach rangiert die Schweiz beim Thema Gleichstellung von Schwulen und Lesben auf der Ebene von Albanien, Bosnien und Rumänien.

«Brokeback Mountain» in Lauenen

Auch ihre Protagonistinnen hatten mit Homophobie zu kämpfen. Eine Geschichte aus Lauenen in der Nähe von Gstaad klingt nach einem Schweizer «Brokeback Mountain».

Ein Bauernmädchen und die Tochter eines Spenglers verlieben sich. Diese hat Suizid-Gedanken, erhält Mord-Drohungen und wird sogar Thema im Gemeinderat. Auch der Ski-Kader hat Mühe mit ihrem Lesbisch-Sein, bucht künftig ein Einzelzimmer. Sie könnte ja andere Mädels anmachen.

Buchhinweis

Elisabeth Real: Wer wir sind. Lesbische Frauen aus der Schweiz erzählen. Eigenverlag, 2018.

Doch auch die Idylle zweier Lesben in Winterthur ist nicht perfekt. Die zweite Schwangerschaft klappt nicht. Nach mehreren Befruchtungs-Versuchen in Kopenhagen beschliessen sie, mit einem Einzelkind glücklich zu werden. Dieses nennt eine Mutter «Mami» und die andere «Mama».

Kritik am Bischof von Chur

Das Buch hat auch eine kirchenpolitische Schlagseite. Denn es lässt ausführlich ein lesbisches Paar aus Bürglen im Kanton Uri zu Wort kommen. Es hat sich 2014 vom römisch-katholischen Pfarrer Wendelin Bucheli segnen lassen.

Zwei Frauen mit kurzen Haaren und markanten Brillen in Trainerjacken.
Legende: Wider alle Widerstände: Dieses Paar hat sich im Kanton Uri segnen lassen. Elisabeth Real

Der Bischof von Chur, Vitus Huonder, und sein Generalvikar Martin Grichting waren danach erbost – und wollten den rebellischen Pfarrer versetzen. Doch die Gemeinde stand treu zu Bucheli.

Oft hört man Gerüchte über Huonders Kommunikationsstil. Nun ist schwarz auf weiss nachzulesen, wie ihn Pfarrer Wendelin Bucheli erlebt hat. Über eine Audienz bei Bischof Vitus Huonder schreibt er: «Er ist sehr besorgt, sehr in sich gekehrt, sehr verschlossen. Er schaut nur auf das Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt, er schaut mich kaum an, und er spricht von sich selbst immer in der dritten Person.»

«Gespräch war schrecklich»

Es seien Sätze gefallen wie «Das ist für den Bischof schwer, was da gegangen ist… Die Sache ist bis nach Rom… Der Bischof muss hier jetzt eine Lösung finden…»

Pfarrer Wendelin Bucheli resümiert: «Dieses Gespräch war für mich schrecklich. Es gab keine Kommunikation. Ich hatte keinen Augenkontakt mit dem Mann.»

Wendelin Bucheli habe für das Treffen mit dem Bischof extra ein Urner Hirtenhemd angezogen, «um zu symbolisieren, dass ich hier als Hirte in einem Urner Tal bin, und zwar gerne. Der Bischof hat das Hemd aber gar nicht bemerkt.»

Wir wollten auch Bischof Huonders Version hören. Doch das Bistum hat auf eine entsprechende Anfrage nicht reagiert.

Homophobie geht alle an

Elisabeth Real zeigt pointiert die Widersprüche auf, die sich auch heutzutage in der Schweiz noch auftun. Einerseits können selbst in einem Urner Bergdorf Frauen zusammenleben. Trotzdem gibt es noch Teile in der Gesellschaft, die grosse Mühe mit Schwulen und Lesben haben. Und mit jenen, die sich solidarisch zeigen.

Elisabeth Reals Buch enthält viele Fotos und ein besonderes Layout. Es hat einen künstlerischen Anspruch, noch mehr aber eine politische Botschaft: Solidarität mit Lesben und Homophobie geht alle an.

Daher sind dem Buch nicht nur viele Leserinnen zu wünschen, sondern auch viele Leser.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.6.2018, 8:20 Uhr

5 Kommentare

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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Das Problem ist ein "veraltetes und konservatifes" Familienbild! Mutter, Vater, Kind und sonst gibt es "keine Andere Variante"?
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  • Kommentar von Philippe Müller (Phippu Müller)
    Sehr schöner Bericht. Das Problem ist, das viele Menschen noch der Meinung sind, Schwul oder lesbisch zu sein, sei eine „Krankheit“, da die „natürliche“ Selektion so nicht erfüllt sei. Es herrscht immer noch die Meinung, es gebe nur ein richtig: Männlein und Weiblein. Weiblein gehört hinter den Herd. Punkt. Schlimmer noch ist, das antiquierte denken der Katholischen Kirche. Man stelle sich vor, man könnte vom alten Weltbild abrücken. Geht ja gar nicht. Kein Wunder leeren sich die Kirchen.
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  • Kommentar von Elisabeth Real (Elisabeth Real)
    Das Buch kann hier bestellt werden: https://thelesbianlivesproject.bigcartel.com/ Und hier gibt’s weitere Infos zum Lesbian Lives Project: www.lesbianlivesproject.com
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