Ohne sicht- und hörbare Fans ist der Sport eine Farce, ein nüchterner Leerlauf ohne Emotionen: Fussball-Fans sind ganz besondere Wesen, das wissen beide Autoren des jüngst erschienenen Buchs «Fans» aus eigener Anschauung. Fussball ist Emotion pur, Religionsersatz und immer für eine Anekdote gut, besonders wenn das immer noch überwiegend männliche Fantum sich Luft verschafft.
Schmähungen, Spottgesänge, Jubel und Entsetzen: All das findet sich potenziert im Stadion. Vor 70 Jahren war das noch eine andere Welt, erklärt Klaus Zeyringer: «Wenn man sich Bilder ansieht, vom Fussball-Wunder 1954 in Bern und schaut auf die Ränge: Da sieht man Leute in Alltagskleidung, manchmal sogar mit Anzug. Da gibt es keine Banner, keine Schals, es sei denn, die Grossmutter hat welche gestrickt.»
Es geht um mehr als Leben und Tod
Vom altehrwürdigen Berner Wankdorf-Stadion bis hin zur «Gelben Wand» im heimischen Iduna-Park des BVB in Dortmund ist es ein grosser Schnitt. Fans sind keine Individualisten mehr, sondern eine choreografierte Masse, die in Kleidung, Essverhalten und lautstarken Gesängen ein Ritual zelebriert.
Klaus Zeyringer macht den Selbstversuch und mischt sich in das schwarzgelb-gestreifte Farbenmeer der berühmten Dortmunder Südkurve. Eingerahmt von 25'000 Fans erlebt er in Europas grösster Fankurve den Rausch des Fan-Seins: «Ich stand noch nie so eng wie dort und war sofort eingemeindet. Ich kam hin, hatte einen Platz gefunden, eng zwischen so vielen Leuten und sofort hatte ich ein Bier in der Hand, ohne dass ich eins verlangt hätte. Sofort merkte ich, dass es hier wirklich um mehr als um Leben und Tod geht. Das war gegen Schalke natürlich!»
Fans werden zur lukrativen Kundschaft
Spätestens seit den 1980er-Jahren hat sich das Fantum markant gewandelt. Fans sind nun eine attraktive Zielgruppe für Sportartikel, Werbung und das aufkommende Bezahlfernsehen geworden. In ihnen bündelt sich aber auch ein grosses Protestpotential. So haben die Störaktionen der deutschen Fussball-Fans verhindert, dass Investoren in die Deutsche Fussball-Liga einsteigen und ihre Politik durchsetzen.
Geld und Gier sind letztlich Motor und Garant für volle Stadien. Fans sind – und das betrübt die Autoren – trotz ihrer geballten Macht eine letztlich kalkulierbare «Masse» für den Sportbetrieb, so Zeyringer: «Fans gehen durchaus auch bei Blödsinn mit: Zum Beispiel erklärte ein Fan von Newcastle United, es sei der schönste Tag in seinem Leben, da der Club von Saudi-Arabien gekauft wurde und Newcastle United endlich wieder konkurrenzfähig sei.»
Kommt die weibliche Wende?
Dem Fussball-Schauen während einer WM oder EM abzuschwören, ist selbst für kritische Fans beinahe unmöglich: Der 2018 von Ilija Trojanow und Klaus Zeyringer angezettelte Fernseh-Boykott zur WM in Russland verlief jedenfalls im Sande. Die Aufrufe, die WM 2022 in Katar zu boykottieren, gingen ebenfalls ins Leere.
Vielleicht kommt die sportpolitische Wende mit den weiblichen Fans? Immer mehr Frauen strömen in die Fussballstadien und verändern den bisher noch dominant männlichen Grundton bei Jubel und Protest – idealerweise zum Wohle des Sports.