J.D. Vance hatte keine einfache Kindheit. Das weiss man spätestens seit seinem Bestseller «Hillbilly Elegy». Eine dysfunktionale Familie an der Armutsgrenze, die Mutter drogenabhängig, kaum Stabilität. Der einzige Anker: die heiss geliebte Grossmutter. Die Grosseltern waren es auch, die J.D. das Christentum näherbrachten.
Ohne moralischen Kompass
Diese christliche Sozialisierung überlebte die Krisen des jungen Erwachsenenlebens nicht. Er wird zum Atheisten. In «Communion» beschreibt J.D. Vance, wie er während des Studiums nur dem Geld und beruflichem Erfolg nachrennt – und seine moralische Orientierung verliert. Und wie er dann beginnt, sich mit christlichen Denkern und Philosophen zu befassen.
Er zitiert Einflüsse von U2 bis zum Kirchenvater Augustinus. Auch Tech-Milliardär Peter Thiel erwähnt Vance dabei – verschweigt aber, dass dieser ihn auch bei seinem beruflichen Erfolg und seinem Wahlkampf als Vizepräsident massiv unterstützt hat. Seine politische Laufbahn ist im Buch selten mehr als eine Randnotiz und scheint ihm eher zu passieren, als dass er sie anstrebt.
Gesellschaftsanalyse vor den Midterms
Als Schlüsselerlebnis für seine Rückkehr zum Glauben schildert J.D. Vance die Geburt seines ersten Sohnes. Sein innigster Wunsch: ein guter Vater zu sein. Sein Kompass: der christliche Glaube.
Geht es um J.D. Vances persönliche Geschichte, liest sich das Buch leicht. Sein Bemühen, die Kindheitstraumata zu überwinden und ein guter Ehemann und Vater zu werden, macht ihn nahbar und sympathisch.
Doch die persönliche Geschichte ist begleitet von Vances moralisch unterlegter Gesellschaftsanalyse, die man nicht lesen kann, ohne sich bewusst zu sein: Hier spricht wohl ein künftiger Präsidentschaftskandidat – und das kurz vor den Zwischenwahlen im Herbst.
Rückkehr zum Christentum
J.D. Vance beschreibt ein Amerika, das – wie er – die Orientierung verloren hat, weil es vom Glauben abfällt. Und propagiert, dass eine Rückkehr zum Christentum, zu christlichen Werten, alles besser machen würde. Meist bleibt dies eine Behauptung.
An anderen Stellen wird Vance sehr konkret. Bei den brisanten Themen etwa bezieht er Stellung. So bei der Abtreibung. Oder bei der brutalen Ausschaffungspolitik der Trump-Administration, die er gegen die Kritik aus christlichen Kreisen verteidigt. Kritik, die auch aus dem Vatikan kommt, vom Papst selbst.
Kein Wort über Leo XIV.
Wie also geht Katholik Vance damit um, dass der Papst, selbst US-Amerikaner, seine an christlichen Werten orientierte Politik infrage stellt? Seine Begegnung mit dem letzten Papst, Franziskus, beschreibt Vance dagegen ausführlich. Auch, dass er mit mehr Kritik vonseiten der Kardinäle zur Migrationspolitik gerechnet hätte.
Leo XIV. erwähnt er mit keinem Wort, ausser, dass er an dessen Inauguration war. Interessant ist allerdings, dass Vance sich – wie Leo XIV. – in seiner Politik auf die Sozial-Enzyklika von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 bezieht – nur mit komplett anderen politischen Schlussfolgerungen.
J.D. Vance gibt in seinem neuen Buch viel Preis von sich, seinen Zweifeln, seinem christlichen Glauben. Doch den Beweis, dass mehr Christentum die Probleme der USA tatsächlich lösen könnte, bleibt der Vizepräsident schuldig.