Nordkorea: Einblicke in ein verschlossenes Land

Nordkorea sorgt derzeit wieder mit Kriegsdrohungen für Aufregung. Ansonsten ist das Land für uns eine Blackbox. Wir wissen wenig über die nordkoreanische Kultur und Gesellschaft. Einer, der gewisse Einblicke hat, ist der Amerikaner Brian Myers, Spezialist für nordkoreanische Literatur.

Ein Soldat steht zwischen gelb-schwarzen Abschrankungen an der Grenze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abgeschottet vom Rest der Welt: Nordkorea gilt offiziell als demokratisch, wird allerdings diktatorisch regiert. Keystone

Korea, 1910 als Kolonie ins japanische Kaiserreich eingegliedert, wurde nach der Kapitulation Japans 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in zwei Besatzungszonen aufgeteilt: Im Süden hatte Amerika das Sagen, im Norden die UdSSR. Der Korea-Krieg von 1950 bis 1953, in dem der Norden vergeblich versuchte, den Süden zu annektieren, zementierte diese Teilung.

So ist das demokratische Südkorea heute eine bedeutende Volkswirtschaft, Nordkorea hingegen ein sozialistischer Staat mit einem «Obersten Führer». Dieser kommt von Kim Il Sung über Kim Jong Il bis Kim Jong Un seit 60 Jahren aus derselben Familie.

Trotzdem entspricht Nordkorea für Brian Myers, Spezialist für nordkoreanische Literatur und Professor in Busan, Südkorea, in einem zentralen Punkt nicht den Vorstellungen, die wir von einer stalinistischen Diktatur haben: «Unter den Nordkoreanern gab es 1945 kaum Kommunisten. Das Herrschaftssystem wurde also von Leuten auf die Beine gestellt, die sich viel besser in japanischer und in faschistischer Propaganda auskannten als im Marxismus-Leninismus. Anfänglich arbeitete im politischen Apparat zwar eine Gruppe sogenannter ‹Sowjet-Koreaner› mit, Koreaner, die in der Sowjetunion aufgewachsen waren und sich im Kommunismus etwas besser auskannten. Aber sie fielen noch vor 1960 Säuberungen zum Opfer.»

Interessant sei auch, dass es in der Aufbauphase zwei offizielle politische Kulturen gab: In Zeitungen und in offiziellen Reden habe man sich zwar sehr kommunistisch und internationalistisch gegeben – und ausgesprochen unterwürfig der UdSSR gegenüber. Aber in Romanen und in der Propaganda, die nur den Einheimischen zugänglich war, habe man sich ab 1953/54 deutlich nationalistisch, oft sogar rassistisch geäussert: «Ab und zu haben die Diplomaten aus dem Ostblock Wind davon bekommen und sich darüber beschwert.»

Nationalismus als Motor

So sieht Brian Myers das derzeitige Säbelrasseln denn auch ganz im Licht des nordkoreanischen Nationalismus: «Nordkorea ist kein kommunistisches Land, sondern, wie es sich selbst nennt, ein Sŏn’gun, ein «Armee zuerst»-System, und insofern mit einem faschistischen Staat zu vergleichen, als dass es von Spannungen und Krisen lebt. Der nordkoreanische Staat legitimiert sich durch die Behauptung, das stärkere Korea zu sein, das im Gegensatz zur ‹Yankee-Kolonie›, also Südkorea, vollkommen autonom sei.»

Auch wenn jetzt versucht werde, das Lebensniveau der Bevölkerung etwas anzuheben, wisse das Regime ganz genau, dass daraus kein politisches Kapital zu schlagen sei: «Südkorea ist so reich, dass Nordkorea es nie einholen wird, und das ist dem Regime bewusst», sagt Myers. Deshalb müsse das Regime die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf jene Aspekte lenken, in denen der Norden dem Süden scheinbar überlegen sei – etwa auf die angebliche militärische Schlagkraft: «Und genau dazu dienen die Versuche, die Spannungen zwischen den beiden Korea zu erhöhen.»

Keine Dissidenz

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Literatur von Brian Myers

Brian Myers: «Han Sorya and North Korean Literature: The Failure of Socialist Realism in the DPRK». Cornell University East Asia Program, 1994.

Brian Myers «The Cleanest Race: How North Koreans See Themselves and Why It Matters». Melville House, 2011.

Mit einem beispiellosen Personenkult und nationalistischer Propaganda hat es das Regime geschafft, individuelle kulturelle und politische Initiativen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Darin unterscheidet sich Nordkorea nicht nur von der ehemaligen DDR oder der UdSSR, sondern auch vom heutigen China. Abgesehen von bekennenden Christen oder Buddhisten gibt es in Nordkorea keine Dissidenten, weiss Myers: «Zum Teil liegt das an der herrschenden Ideologie des Nationalismus, der eine viel stärkere psychologische und vereinigende Kraft ausübt, als sie etwa der Kommunismus ausüben konnte. Der Staat wird in Nordkorea dem Volk, der Nation gleichgesetzt, sodass man nicht gegen den Staat sein kann, ohne das Gefühl zu haben, Landesverrat zu begehen.»

So haben Flüchtlinge Brian Myers vom schlechten Gewissen erzählt, das sie packte, als sie die Grenze überquerten, ganz abgesehen davon, dass ihre Bewunderung für Kim Il Sung, dem Herrscher von 1948-1994 und «Ewigen Präsidenten» Nordkoreas, ungebrochen blieb. Myers führt das auch darauf zurück, dass Koreaner traditionell zum Konformismus neigen: «Auch hier in Südkorea findet man trotz gewisser politischer Unterschiede fast vollkommene Einigkeit in Bezug auf Kernfragen. Es ist wirklich keine Übertreibung, zu sagen, dass auch fast alle Südkoreaner Nationalisten sind.» Im Zusammenhang mit den Dokdo-Inseln zum Beispiel, auf die auch Japan Territorialansprüche erhebt, finde sich niemand, der oder die sich für einen Verzicht auf das Gebiet ausspreche.

Ein ahistorisches Land

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Literatur zum Thema

Barbara Demick: «Die Kinogänger von Chongjin: Eine nordkoreanische Liebesgeschichte». Droemer, 2010.

Blaine Harden: «Flucht aus Lager 14: Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam». Deutsche Verlagsanstalt, 2012.

Martin Fritz: «Schauplatz Nordkorea: Das Pulverfass im Fernen Osten». Herder, 2004.

So, wie es in Nordkorea keine Dissidenz gibt, fehlen auch alle Bezüge auf die reiche Kultur vor 1945. Auch dieses Phänomen begründet Brian Myers mit dem herrschenden Nationalismus: «Nationalisten haben mit der Tradition in der Regel wenig am Hut. Und Nordkorea ist genauso wie Südkorea ein sehr gegenwartsbezogenes Land.» So gebe es in Südkorea mangels Interesse keinen Geschichtsunterricht mehr an den Schulen. Und in der zweitgrössten Stadt des Landes, in Busan, wo Myers lebt, finden sich kaum Gebäude, die älter sind als zwanzig Jahre, obwohl die Stadt den Korea-Krieg unversehrt überstanden hatte.

Mit Verweis auf Oswald Spenglers kulturphilosophische Studie «Der Untergang des Abendlandes» bezeichnet Myers sowohl Süd- wie Nordkoreaner als «ahistorische Völker»: «Die Geschichtslosigkeit ist also nicht nur auf das Wirken des Regimes zurückzuführen. Wenn man durch Nordkorea reist, sieht man zwar zum Beispiel aus der Entfernung viele ältere Gebäude. Aber die Reiseführer wollen einem diese Bauten nicht zeigen, sie finden sie beschämend.»

Unbeliebtes Lesen

Der Amerikaner Brian Myers studierte Sowjetstudien an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte 1992 über nordkoreanische Literatur an der Universität Tübingen. Heute ist er Professor im südkoreanischen Busan. Zu seinem Spezialgebiet befragt, sagt er: «Die nordkoreanische Literatur hat sehr wenig gemein mit der Literatur der DDR oder der ehemaligen Sowjetunion.» Es habe in Nordkorea nie einen richtigen sozialistischen Realismus gegeben, weil die marxistische Weltanschauung fehlte. Überhaupt sei die nordkoreanische Literatur nicht sehr ideologisch geprägt: «Es ist also nicht so, dass die Figuren in Romanen ständig über Politik reden und Parolen von sich geben.»

Erzählt würden einfache moralistische und nationalistische Geschichten, zum Beispiel solche über den Partisanenkampf gegen die japanische Herrschaft oder über den Korea-Krieg, aber auch simple Liebesgeschichten: «Diese unterscheiden sich nur dadurch von unseren, dass in ihnen kein Sex vorkommt – alles wird ziemlich keusch gehalten.»

An einer Versammlung halten unzählige Nordkoreaner Schilder hoch und formen so zwei Gesichter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Versammlung in Pjöngjang: «Keine Zeit, alleine zu sein». Keystone

Das Lesen, sagt Myers, spiele aber kaum eine Rolle, und zwar in ganz Korea: «Nord- wie Südkoreaner lesen ziemlich ungern. Während in den USA durchschnittlich doch immerhin sechs Stunden pro Woche gelesen werden, sind es in Südkorea nur drei. Das hängt damit zusammen, dass die Koreaner sich am liebsten in Gruppen aufhalten. Bei den Nordkoreanern kommt noch hinzu, dass sie von morgens bis abends eingebunden sind – in Arbeit, Versammlungen, Aufmärsche und Lerneinheiten. Sie haben schlicht keine Zeit, allein zu sein.»

Glückliche Nordkoreaner

Reise man durch Nordkorea, sagt Brian Myers, sei nichts von einer gedrückten Stimmung zu spüren, wie er sie in den 1980er Jahren in der DDR wahrgenommen hatte. Mehr noch: Die Menschen in Nordkorea wirkten deutlich glücklicher als jene in Südkorea, das mittlerweile eine noch höhere Selbstmordrate als Japan hat, geschuldet auch dem enormen Leistungsdruck im mittlerweile hochentwickelten Land.

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Brian Myers Buchtipp:

Alfred Pfabigan: «Schlaflos in Pjöngjang: vom gescheiterten Versuch, einen skeptischen Europäer zu einem Mitglied der Grossen Roten Familie zu machen». Brandstätter, 1986. (vergriffen)

Trotzdem ist Myers Befund erstaunlich. Er erklärt ihn mit dem Wunsch nach einem Sinn im Leben: «Die Menschen in Nordkorea haben zwar wenig Geld, aber sie haben alle das Gefühl, wichtig zu sein. Weil alle am gleichen Strick ziehen müssen, um den ‹Endsieg›, die Wiedervereinigung der Halbinsel unter nordkoreanischer Herrschaft, herbeizuführen.»

Deshalb findet Myers den Begriff «Gehirnwäsche» nicht angebracht im Zusammenhang mit der Tätigkeit des nordkoreanischen Regimes: «Gegen Gehirnwäsche sträubt man sich, Propaganda hingegen ist wie Werbung: Es muss eine Nachfrage nach ihr geben, sonst funktioniert sie nicht. In Nordkorea gibt es eine grosse Nachfrage nach dem Sinn des Lebens, und dieser Sinn wird von der Regierung geliefert.»

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