Jede zweite Person erkrankt in ihrem Leben psychisch, das besagen breit angelegte Studien der Harvard Medical School und der Uni Queensland. Psychisches Leiden ist damit längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil vieler Lebensbiografien.
Der Autor und angehende Psychotherapeut Leon Engler weiss aus eigener Erfahrung: «Die Psychiatrien sind voll. Auslastungsraten in Zürich oder Berlin liegen bei über 95 Prozent.» Und doch scheint der Eindruck zu überwiegen, dass «die psychisch Kranken» vor allem die anderen sind.
Immer mehr Diagnosen
Parallel dazu sind die Diagnosekataloge der Psychiatrie, der US-amerikanische DSM und der europäische ICD mit jeder neuen Version mehr angewachsen: Aus schlanken Handbüchern sind dicke Nachschlagewerke geworden. Sind wir als Gesellschaft kränker geworden oder wird mehr diagnostiziert, das «Normale» pathologisiert?
Eine Inflation von Diagnosen werde tatsächlich auch von Menschen kritisiert, die massgeblich an der Ausarbeitung von diesen Klassifikationssystemen beteiligt waren, so Engler.
Wer hat das noch nicht erlebt?
«Wenn man schaut, ab wann man eigentlich als psychisch krank gilt, dann geht das relativ schnell: Eine leichte depressive Episode nennt man, wenn man über 14 Tage vier depressive Symptome hat. Zum Beispiel Niedergestimmtheit, Interessenlosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen.» Welcher Mensch hat das noch nicht erlebt in seinem Leben?
Gleichzeitig gibt es viele Vorteile von Diagnosen: Wer eine Diagnose erhält, gewinnt Sprache, Orientierung und einen Anspruch auf Hilfe. Eine Klassifikation mag abstrakt wirken, aber sie öffnet Türen – zur Psychotherapie, zu Medikamenten, zu sozialrechtlichen Ansprüchen.
Wer definiert gesund und krank?
Zugleich werfen sie die Frage auf, nach welchen – und nach wessen – Kriterien überhaupt festgelegt wird, was als krank und was als gesund gilt. Eine psychiatrische Diagnose ist nicht nur ein neutraler Befund, sondern auch ein kulturelles Urteil, erklärt der Wissenschaftshistoriker und Mediziner Michael Hagner.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat gezeigt, wie der «Wahnsinn» in der europäischen Geschichte schrittweise ausgegrenzt und schliesslich zur Geisteskrankheit erklärt wurde – im Namen der Vernunft, der Ordnung und der gesellschaftlichen Kontrolle.
Was als «normal» gilt, ergibt sich damit nicht einfach aus der Natur des Menschen, sondern aus Machtverhältnissen, Normen und Erwartungen, so Hagner. Bloss: Psychische Gesundheit ist nicht nur eine Frage von gesellschaftlichen Normen und Diagnose, sondern auch eine der Lebensbedingungen und des sozialen Kontextes, in welchem man das Leben zubringt.
Armut macht krank
Engler erklärt: Armut, prekäre Arbeit, unsichere Wohnsituationen oder Diskriminierung erhöhen nachweislich das Risiko für psychische Erkrankungen. Wer in materieller Not lebt, ist häufiger von Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen betroffen.
Psychische Vulnerabilität ist deshalb nicht nur eine Eigenschaft der einzelnen Person, sondern ein Merkmal einer Gesellschaft, die Risiken ungleich verteilt. Eine ernst gemeinte Prävention solcher Erkrankungen müsste folglich auch bei sozialer Ungleichheit, bei Bildungs- und Teilhabechancen ansetzen – nicht allein im Therapiezimmer.