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Porträt einer Gehörlosen «Ich höre mit den Augen»

Natasha Ruf ist seit Geburt gehörlos, doch still erscheint ihr die Welt selten. Unsere Autorin hat die Fotografin und Grafikerin einen Tag lang begleitet. Eine Sinneserfahrung.

Natasha Ruf mit Kamera.
Legende: Natasha Ruf mit Kamera. Natasha Ruf
  • Die Fotografin Natasha Ruf kann keine Geräusche wahrnehmen. Was andere hören, erschliesst sich ihr über die Augen, erklärt sie beim Treffen in Zürich.
  • Beim Spaziergang durch die Stadt zeigt sich: Ob ein Ort leise oder laut ist, hängt für die Gehörlose von visuellen Reizen ab. Am stillsten erscheint es Ruf in der Natur.
  • Als Kind wollte Ruf ihr Hörgerät loswerden. Heute nutzt sie neue Technologien als Unterstützung im Alltag.

Offen, sympathisch, unverkrampft. Man merkt Natasha Ruf sofort an, dass ein Kamerateam sie nicht aus der Ruhe bringen kann.

Wir treffen die junge Fotografin und Grafikerin zusammen mit der Dolmetscherin Lilian Fritz im «Kafi für Dich» in Zürich. Hemmschwellen sind also keine zu überwinden, doch ohne Fritz wäre unser Treffen ein einziger Hürdenlauf.

Natasha Ruf im Café.
Legende: Im Café erscheint es Natasha Ruf angenehm still. Natasha Ruf

«Es ist entspannt, vollkommen still»

Ruf liest mühelos von unseren Lippen. Doch der Kameramann Philippe Schnyder und ich sind heillos überfordert, wenn Ruf in Gebärdensprache kommuniziert. Dank Fritz erfahren wir, dass Ruf die Atmosphäre im Café äusserst angenehm empfindet, entspannt – ergo sei es völlig still.

Ruf bestellt Kaffee, schaut sich um, fotografiert. Wir machen die ersten TV-Aufnahmen. Für einmal konzentriere ich mich aber weniger aufs Bild, sondern darauf, was die Protagonistin alles nicht hört: Geschirrgeklapper, Gespräche anderer Gäste, die Jauchzer eines spielenden Kleinkindes.

Geräusche, die für einmal überdeutlich an mein Ohr dringen. Der Hörsinn ist sensibilisiert.

Durch die Augen anderer sehen

Unser nächstes Ziel: eine verkehrsreiche Strasse, ein belebter Platz. Ein Mann geht in Cowboystiefeln an uns vorbei. Jeder Schritt: ein Hufschlag. Eine sich uns nähernde Sirene: alarmierend.

An einer Ampel zündet sich ein Passant eine Zigarette an. Trotz aufheulender Motoren, quietschender Tram: das «Klack» des Feuerzeuges ist für mich präsent, wie nie zuvor. Ich frage – das heisst: ich lasse fragen – ob Natasha Ruf all dies bemerkt habe.

«Klar», antwortet sie in Gebärdensprache, «mein Gesichtsfeld ist viel grösser als deines.» Hörende würden rund 60 Prozent der Umgebung über die Ohren wahrnehmen, 40 Prozent über die Augen, so Ruf: «Bei mir ist der Blick zu 100 Prozent geschärft. Ich höre sozusagen mit den Augen. Nehme Hektik und Stress wahr, einfach durch einen anderen Kanal.

Ich beobachte pausenlos, sehe zum Beispiel in den Gesichtern anderer, was gerade um uns herum passiert. Gibt es Tumult, ist Gefahr im Anzug?» Die Sirene habe sie in meinen Augen erahnt. «Aber glaube mir, all das ist ganz schön anstrengend.»

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«Diese Graffitiwand ist richtig laut»

Wir gehen an einer Graffitiwand vorbei. «Die ist richtig laut», sagt Ruf. Farben, Schriften, Plakate, die darüber geklebt und an einigen Stellen wieder abgerissen wurden. «Das sind zu viele visuelle Reiz. Der reinste Stress für meine Augen. Das ist Lärm.»

Natasha Ruf.
Legende: «Ich beobachte andere pausenlos», erzählt Natasha Ruf. Natasha Ruf

Auch Gehörlose könnten ganz schön laut sein, sagt Ruf: «Mit ihrer Mimik. Diese spielt bei der Gebärdensprache eine zentrale Rolle. Wenn eine gehörlose Person wütend ist, dann sind Hände und Gesicht überaus ausdrucksstark. Das ist genauso laut, wie wenn ein Hörender schreit.»

«Auch ich suche Stille»

Ruf arbeitet unter anderem für Filmemacher Stanko Palvlica, Link öffnet in einem neuen Fenster, der 2003 europaweit das erste Web-TV für Gehörlose, Link öffnet in einem neuen Fenster gründete, oder stand auch schon für ein Gehörlosenvideo der Fondation Beyeler vor der Kamera. Ihr Terminkalender ist voll., Link öffnet in einem neuen Fenster Ihr Fazit: «Auch in meinem Kopf ist es oft laut. Auch ich suche Stille.»

Und die findet Natasha Ruf, wie so manch andere, in der Natur, wo sie nicht von visuellen Eindrücken «erschlagen» werde. Motorenlärm eines Traktors, Alphornklänge in der Ferne, ein Pferd mit Reiterin: für sie keinerlei Ablenkung.

Das Hörgerät weggespült

Als Kind nahm sie einmal undefinierbare Geräusche wahr. Denn in der Schule bekam sie, wie damals alle Gehörlosen oder Kinder mit einer Hörbehinderung, ein Hörgerät. Das sei unerträglich gewesen.

Sie spülte die unliebsame «Hilfe» kurzerhand das Klo runter und setzte ganz auf Gebärdensprache. Ruf erklärt: «Diese war meinen Eltern in der Schule noch verboten. Zum Glück gehöre ich einer jüngeren Generation an.»

«Dank moderner Technik haben wir uns emanzipiert»

Ihre Generation profitiere auch vom technischen Fortschritt. «SMS, Mails, Facetime und so weiter sind zwar auch für mich immer wieder stressig, aber primär ein Geschenk. Früher mussten Gehörlose eine hörende Person um Hilfe bitten. Heute sind wir unabhängig, selbständig.»

Das Wort «Behinderung» hat Ruf aus ihrem Vokabular gestrichen, denn alles im Leben sei doch bloss eine Frage der Perspektive.

Wie Natasha Ruf dies in Bezug auf das «Hören oder Nicht-Hören» meint, wird am Ende des Tages nochmals fast beschämend klar. Die Dolmetscherin und der Kameramann verabschieden sich. Ruf und ich fahren zusammen S-Bahn. Sie liest von meinen Lippen. Ich verstehe nur noch Bahnhof.

Sendung: Kulturplatz, SRF 1, 27.12.17, 22.25 Uhr

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«Psssssst!» – wir suchen, leben, erzeugen Stille. Der letzte «Kulturplatz» des Jahres spürte dem leise nach. Hier geht's zur Sendung.

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