Erzählkultur Radio ist nicht tot: neue Geschichten fesseln die Hörer

Radio ist Kino für den Kopf. Es entwickelt sich ständig weiter. Neue Sendeformate experimentieren mit Erzählformen.

Frau sitzt im Radiostudio vor dem Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neue Formate brauchen Mut. Manchmal auch viel Zeit. Vor allem im angelsächsischen Raum entstehen viele neue Formate. Colourbox

  • Vor allem im angelsächsischen Raum entstehen viele neue Formate.
  • Es wird experimentiert: Der Podcast «Serial» wurde zum Beispiel berühmt, weil Journalilsten einen Mordfall in mehreren Folgen neu aufrollten.
  • Manche Formate werden eigens für als Podcasts für das Web produziert.

Sie heissen «Arteradio», «Serial», «Radiolab» oder «Death, Sex and Money» und sie sind beliebt – die neuen Formate am Radio. Sie erzählen Geschichten anders: dicht, nah an den Menschen, tiefschürfend und spannend.

So lebt Amerika

Wer den Podcast «This American Life» abonniert hat, erlebt jede Woche eine Überraschung: Zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, der sich von einem Tag auf den anderen um seine alkoholkranke Mutter kümmern muss. Er erlebt, wie das Sozialwesen in den USA funktioniert.

Radio, das visuelle Medium

«This American Life» ist ein Klassiker. Seit 21 Jahren ist er über die Kanäle des National Public Radio in den USA zu hören, seit vielen Jahren auch als Podcast erhältlich.

Hier wurden, unter der Ägide vom Radiomann Ira Glass, schon ganz früh ausprobiert, was Radio kann. Nämlich unter die Haut gehen, berühren, und Bilder erzeugen. Radio sei, gerade weil alles erzählt und alles geschildert werden müsse, ein «enorm visuelles Medium», sagt Ira Glass.

Neue Geschichten, neue Formate

In den letzten Jahren hat es, vor allem im angelsächsischen Raum, eine wahre Explosion sogenannter Storytelling-Formate gegeben.

Bowe Bergdahl in Uniform vor der Flagge der USA. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bowe Bergdahl kehrte 2014 nach fünf Jahren Taliban-Gefangenschaft in die USA zurück. «Serial» untersuchte seinen Fall. Reuters

«Serial» zum Beispiel dokumentierte und recherchierte einen Mordfall. Über Wochen wurden die Ergebnisse in einstündige Features zusammengetragen.

In einer zweiten Staffel ging «Serial» der Frage nach, warum der Soldat Bowe Bergdahl in Afghanistan eines Tages seinen Posten verliess und in Taliban-Gefangenschaft geriet. Die Recherchen zogen sich über Wochen dahin.

Redigieren, redigieren, redigieren

Die Liebhaber des Features hören sich «Radiolab» an, ein Podcast und eine Sendung, die sich den Wissenschaften und ihren Grenzgebieten widmet.

Die Beiträge sind weder kopflastig noch abgehoben. Den Macherinnen der Sendung gelingt es, die Inhalte vielschichtig, komplex und doch leicht und wunderbar gestaltet zu vermitteln. Kein Wunder, jede Minute, jede Sekunde der Sendung wird wieder und wieder redigiert. Bis die Redaktion damit glücklich ist.

Zeit ist Luxus

Viele der Podcasts werden für Radios produziert. Auch «Death, Sex and Money», eine wöchentliche Show zu ein paar Dingen, über die man nicht unbedingt gerne redet: Tod, Sex und Geld.

Andere Sendungen werden nur fürs Web produziert. Sie sind nur als Podcast erhältlich. Die Macher haben keine Deadline. Sie können unendlich lang an ihren Geschichten feilen und sie erst bringen, wenn sie sich der Sache ganz sicher sind.

Dieses Privileg haben die Journalistinnen von «Arteradio». Sie geben ihre Stücke erst dann frei, wenn sie wirklich gelungen sind. Man feilt, man prüft, bis es sitzt.

Neue Formate brauchen Mut

Das französische «Arteradio» ist relativ neu. Noch sind die neuen Radioformate vor allem in der angelsächsischen Welt zu Hause. Im deutschsprachigen Raum ist man weniger mutig. Noch.

Immerhin gibt es in der Schweiz das Storytelling-Format «Wahre Geschichten». Da erzählen Menschen ihre Geschichten vor einem Live-Pulikum. Die Aufnahmen davon kann man als Pocast abonnieren.

Sendung zu diesem Artikel