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Rassenforschung in der Schweiz Das Land der vielen Schädel

Berliner Museen wollen rund 600 Schädel nach Kamerun und Togo zurückgeben. In Schweizer Sammlungen liegen noch viel mehr solcher menschlichen Überreste, das zeigt eine Studie.

Mindestens 4175 menschliche Schädel und weitere Skelettteile, die in kolonialen Kontexten erworben wurden, befinden sich in Schweizer Sammlungen. Das ergab eine erste Studie, die vergangenen Herbst veröffentlicht wurde.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um archäologische Funde aus der Schweiz, sondern um menschliche Überreste aus Afrika, Asien, Ozeanien oder den Amerikas, die im 19. Jahrhundert zu Forschungszwecken angekauft wurden.

Graue, verschiebbare Regale in Lagerraum.
Legende: Ein Gang in einem Depot des Museums der Kulturen Basel. Das Museum hat in seiner Sammlung auch Mumien und Schädel. KEYSTONE/Georgios Kefalas

In deutschen Depots liegen in absoluten Zahlen zwar mehr solcher Schädel, sagt der Historiker Bernhard C. Schär, der die Studie der Uni Lausanne mitverfasst hat. Berücksichtigt man aber die Pro-Kopf-Verhältnisse hat die Schweiz mit über 4000 Schädeln viel mehr «human remains» als die frühere Kolonialmacht Deutschland.

Rückgabe von 600 Schädeln aus Berlin geplant

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Aus dem Bestand der «Stiftung preussischer Kulturbesitz», die zahlreiche Berliner Museen vereint, sollen «wenn immer möglich» knapp 600 Schädel an die westafrikanischen Länder Kamerun, Togo und Ghana zurückgegeben werden. Sie stammen aus früheren deutschen Kolonien in Afrika.

Nach jahrelanger Forschung ist nun mehr über ihre Herkunft bekannt: Viele Schädel stammen von Arbeitern, die beim deutschen Eisenbahnbau in Kamerun umgekommen sind. Auch die Schädel Hingerichteter sind darunter. Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte, die Rückführung von «human remains» sei zentral bei der «Aufarbeitung des Kolonialismus«. Die Schädel gehören zur historischen anthropologischen Sammlung der Berliner Universitätsklinik Charité.

Die markant hohe Zahl von Schädeln aus kolonialen Kontexten in Schweizer Sammlungen hat einen Grund. «Das liegt an der hohen Dichte wissenschaftlicher Sammlungen und Universitäten in der Schweiz», so Schär, der als Professor an der Fernuni Schweiz Geschichte lehrt. In der Schweiz wird schon lange auf hohem Niveau geforscht und exzellent waren Schweizer Unis im 19. Jahrhundert unter anderem in der Rassenforschung.

Illustration eines menschlichen Schädels in einem Buch.
Legende: «Bildschöner Schedel einer Georgianerin»: Um die Evolution zu erforschen, sammelten, inventarisierten, kategorisierten und vermassen europäische Forscher im 19. und 20. Jahrhundert Tausende von Schädeln aus Kolonien. Europeana/Public Domain/item168

Exzellenz in Rassenforschung

Forscher wie Fritz und Paul Sarasin in Basel oder Anthropologen wie Rudolf Martin und Otto Schlaginhaufen in Zürich betrieben international renommierte Zentren. Sie haben sich auf die Erforschung von Schädeln konzentriert, ihre Form und Grösse vermessen, kategorisiert und in Tabellen scheinbar neutral und überprüfbar festgehalten. Diese vorgeblich rein wissenschaftliche Schweizer Expertise wurde auch für Herrschaftszwecke benutzt.

Schweizer Rassenforschung

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Forschungen des Historikers Pascal Germann zeigen exemplarisch, in welchen ideengeschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten Schweizer Rassenforschung stattfand, welche finanzstarken Schweizer Stiftungen sie zum Zwecke der Eugenik unterstützten, wie die Schweizer Rassenforschung international genutzt wurde und welche Folgen sie bis heute hat.

Auf die privilegierten Basler Naturforscher Paul und Fritz Sarasin konzentriert sich Bernhard C. Schär und untersucht in seinen Studien nicht nur ihre Forschungsreise nach Sulawesi und ihren Sammelwahn, sondern auch ihre internationalen wissenschaftlichen Erfolge.

Buchhinweise:

  • Pascal Germann: «Laboratorien der Vererbung. Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz 1900–1970. Wallstein Verlag, Göttingen, 2016.
  • Bernhard C. Schär: «Tropenliebe. Schweizer Naturforscher und niederländischer Imperialismus in Südostasien um 1900». Campus Verlag, Weinheim, 2015.

Schweizer Forschende spielten eine wichtige Rolle beim wissenschaftlichen Austausch von Ideen, Ergebnissen und Instrumenten in Rassenforschung und Genetik. Die Schädel aus den Kolonien, mit denen sie ihre Forschungen betrieben, sind nun erneut Gegenstand der Forschung.

Allerdings geht es jetzt darum, woher sie stammen und was mit ihnen geschehen soll. Seit 2007 regelt eine Resolution der Uno den völkerrechtlichen Rahmen für den Umgang mit «human remains» und hält fest: Indigene Gesellschaften haben ein Recht auf die Überreste ihrer Vorfahren.

Sechs Personen stehen um eine Holzkiste mit der Aufschrift 'GVArt'.
Legende: Das Ethnografische Museum in Genf (MEG) gab 2023 «human remains» an Bolivien zurück, es handelte sich um drei Mumien. Keystone/Salvatore Di Nolfi

Eine Rückgabe solcher Schädel, wie sie aktuell die «Stiftung Preussischer Kulturbesitz» anstrebt, ist laut Bernhard C. Schär ein erster Schritt. Damit allein sei es aber nicht getan. Viel wichtiger, so der Historiker, ist das Wissen, dass die Schweiz seit über 150 Jahren Beziehungen zu früheren Kolonien unterhält und die Debatte darüber, wie diese Beziehung in den nächsten 150 Jahren ausgeglichener und gerechter gestaltet werden könne.

Dazu gehöre auch, die Erforschung der gemeinsamen Geschichte – nicht nur aus europäischer Perspektive – sondern auch mit dem Wissen und den Erfahrungen indigener Gesellschaften.

Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 12.5.2026, 17:20 Uhr

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