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Wirbel um Buch über Italiens Vize-Premier Matteo Salvini
Aus Kultur-Aktualität vom 08.05.2019.
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Rechtspopulismus in Italien Matteo Salvinis fragwürdige Nähe zum Neofaschismus

Ein Interviewband mit Italiens Innenminister Matteo Salvini sorgt für Empörung: Das Buch erscheint im Altaforte-Verlag, der einer neofaschistischen Bewegung nahesteht.

Italien-Korrespondent Franco Battel über Salvinis Nähe zum Rechtsextremismus und den Neofaschismus in Italien.

Franco Battel

Franco Battel

Italien-Korrespondent, SRF

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Franco Battel ist seit 2015 für Radio SRF Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.

SRF: Das Buch «Io Sono Matteo Salvini» ist eine Interviewsammlung mit Italiens Innenminister. Der Band erscheint im Altaforte-Verlag. Wer steckt hinter diesem Verlag?

Franco Battel: Der Verlag wurde von Francesco Polacchi gegründet. Polacchi steht der neofaschistischen Partei Casa Pound nahe und bezeichnet sich selbst als einen Faschisten. So erklärte er kürzlich in der Turiner Tageszeitung La Stampa: «Ein bisschen Diktatur kann nicht schaden.»

Ausgerechnet bei diesem Verleger erscheint nun das Buch von Salvini. Kokettiert Matteo Salvini gerne mit faschistischem Gedankengut oder täuscht dieser Eindruck?

Nein, der täuscht nicht. Allerdings sagt Salvini, er selbst habe diesen Verlag nicht ausgesucht, sondern es sei die Autorin gewesen. Aber Fakt ist auch, dass Salvini dagegen keinen Widerspruch eingelegt hat.

Salvini bezeichnet Rechtsextreme als ‹Ragazzi›. Damit verharmlost er sie.

Es gibt andere, ähnliche Beispiele, bei denen man Salvinis Nähe zum Neofaschismus sieht. Beispielsweise trug er vor einem Jahr eine Jacke einer Marke, die normalerweise von Neofaschisten getragen wird. Oder er bezeichnete Rechtsextreme als «Jungs», als «Ragazzi». Damit verharmloste er sie.

Oder ein ganz aktuelles Beispiel: Am 25. April wird in Italien der Sieg über den Nazi-Faschismus gefeiert. Matteo Salvini blieb dieses Jahr den Feierlichkeiten fern. Der Innenminister Italiens erschien einfach nicht bei diesem traditionellen Anlass, an dem das Land den Antifaschismus beschwört und feiert.

Dass ein Regierungsmitglied in Deutschland sich derart demonstrativ in die Nähe des Faschismus begäbe, ist unvorstellbar. Ist der Umgang mit der faschistischen Vergangenheit in Italien generell anders als beispielsweise in Deutschland?

Ja. Die zwei Länder gehen grundlegend anders mit ihrem faschistischen Erbe um. Das zeigt sich nur schon hier in Rom: In der Engelsburg gibt es noch heute eine Inschrift, die Mussolini verherrlicht. Die wurde nie entfernt.

In Italien gab es nie eine Entnazifizierung.

Man kann auch Weinflaschen kaufen, auf deren Etiketten das Antlitz von Mussolini gezeigt wird. Also sozusagen ein Mussolini-Wein.

Woher kommt dieser eher unbedarfte bis unverantwortliche Umgang Italiens mit seiner faschistischen Vergangenheit?

In Italien gab es anders als in Deutschland nie eine Entnazifizierung. Wer sich hier in Italien als Faschist outete, wurde nie aus dem politischen System ausgeschlossen – im Gegenteil. Kurz nach dem Krieg entstand hier die post-faschistische Partei Movimento Sociale Italiano.

Die Partei von Salvini, die Lega Nord, wehrt sich bis heute dagegen, dass rote Linien definiert werden, die den Faschismus klar aus dem politischen System ausgrenzen. Salvini sagt dazu, das sei eben eine Debatte von gestern, und er kümmere sich lieber um das Hier und Jetzt.

Dann muss also der Vizepremier Salvini keine Konsequenzen fürchten, dass der Interviewband im Altaforte-Verlag erscheint.

Kaum. Dass der Band in diesem Verlag erscheint, war hier eine Meldung unter vielen, sie wurde nirgends auf der Frontseite publiziert.

Das hängt eben damit zusammen, dass es in Italien diese roten Linien nicht gibt – und deshalb auch nicht überschritten werden können.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Was erstaunt daran? Bei Salvini ist die Gesinnung eh bekannt und überhaupt ist der Faschismus auf dem gesamten Kontinent salonfähig geworden. In allen Ländern hat er sich in die Regierungen gezwängt, zum Teil sogar mit Unterstützung von ehemaligen Volks- und Wirtschaftsparteien, und wird von 100‘000en bejubelt und Verfassungen und Gesetze werden nach ihren Ideologien schleichend angepasst. Alles schön verpackt mit dem Geschmack des freien Konsums.
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    1. Antwort von robert mathis  (veritas)
      O.Schulenberg vielleicht fragen Sie sich einmal nüchtern warum Hr.Salvini und seine Regierung (er allein kann nichts bewirken oder bestimmen) so breit unterstützt werden,ich denke weil die Italiener im Stich gelassen werden gerade von den scheinheilig Empörten es ist fatal was Italien einfach aufgebürdet wird keine Versprechen der EU Länder die Migranten zu übernehmen wird eingehalten wen wundert es dann dass sie gezwungen sind selbst eine Lösung zu suchen die vielleicht nicht die beste ist
  • Kommentar von David Stern  (Adelo)
    Rechts oder Kommunist? Kommunismus ist genau gleich kriminell. Weshalb diese Empörung?
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    1. Antwort von S. Borel  (Vidocq)
      Rechts oder Kommunismus? Dazwischen gibt’s nichts? Rechts von Rechts gibt’s allerdings schon... wie Salvini beweist. Und nennen Sie mir bitte ein kommunistisches Europäisches Land.
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Der Kommunismus wurde 1989 liquidiert, heutzutage ist der Rechtsnationalismus eine Bedrohung.
    3. Antwort von Hanspeter Müller  (HPMüller)
      Ein Verbrechen macht ein anderes nicht ungeschehen. Relativierungen von rechten Verbrechen sind leider auch zum Alltag geworden. Als ob das irgendwas rechtfertigen würde.
  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Weder Fascismus noch Machismo wurde wirklich angegangen. Pasolini hatte schon recht, dass herausstechendes Merkmal italienischer Haltung der Konformismus sei. Viele Jahrhunderte Katholizismus, Latifundismus und dann noch das italiensiche Fernsehen sind nicht gerade förderlich der generalisierten Verblödung zu entkommen ....So viel wunderbares und kluge Menschen hat dieses Land. Doch all diese selbstgefälligen Mammaluris, sollten die Mütter, die Frauen ... mandare a quell paese ...
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    1. Antwort von robert mathis  (veritas)
      HP.Müller genau so ist es bei Fr Rackete darum muss es Gesetze geben die nicht nach Gutdünken ausgelegt oder relativiert werden können.Schön dass Sie das auch einsehen.Dass die Italiener im Chaos leben müssen und allein gelassen werden von der EU kann nicht mehr einfach so hingenommen werden das eigene Volk und die Gestrandeten leiden darunter reden Sie einmal mit einem Einheimischen der keine Existenz mehr hat weil keine Touristen mehr kommen.