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Schriftdeutsch ade? Mundart boomt – auch beim digitalen Schreiben

Noch nie wurde so viel geschrieben. Digital schreiben Schweizer Jugendliche meist in Mundart. Leidet das Schriftdeutsch darunter?

Jemand schreibt eine SMS.
Legende: «Hey, häsch gwüsst?» Die meisten Jugendlichen schreiben heutzutage in Mundart. Keystone / Henning Kaiser

«Schreiben in Mundart ist für die Jungen völlig selbstverständlich», sagt Christina Siever, Mitarbeiterin im Forschungsprojekt «What’s up, Switzerland», Link öffnet in einem neuen Fenster.

Dort forschen Wissenschaftler von Neuenburg über Bern und Zürich bis Leipzig zur mobilen und digitalen Kommunikation. Die Forscher haben herausgefunden: Die Jungen beschäftigen sich täglich und intensiv mit Dialekten.

Eine Renaissance der Dialekte

Die Mundartsendung «Schnabelweid» hat die Probe aufs Exempel gemacht und eine Gruppe junger Leute über ihr digitales Schreibverhalten befragt.

«Ich schreibe fast immer Mundart, ausser wenn der Empfänger keine Mundart versteht oder mich auf Hochdeutsch anschreibt», sagt die 17-jährige Schirin aus Murten/FR.

«Den Jungen ist bewusst, dass sie verschiedene Register anwenden müssen, ob sie nun mit der Freundin chatten, der Mutter ein SMS schicken oder dem Pfarrer ein E-Mail», bestätigt Karina Frick von der Universität Zürich. Diesen Wechsel beherrschten sie locker.

Frick forscht im Bereich «Neue Medien» und nennt die aktuelle Zeit eine echte Renaissance für Dialekte: «Durch das Schreiben der Jungen hat sich Mundart auf eine neue Ebene ausgeweitet.»

Regionale Dialektmerkmale bleiben

Mundart boomt also – als Gegenstück zur Hochsprache. Aber wie steht es mit den unterschiedlichen Dialekten in der Deutschschweiz? Diese sind gemäss den Forscherinnen eindeutig zu erkennen. «Der regionale Dialekt soll in der Schreibweise erkennbar sein. Das ist auch den Jungen wichtig», sagt Karina Frick.

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Aber ebenso wichtig seien beim Mundartschreiben die fehlenden Rechtschreiberegeln, das Familiäre und Authentische der Mundart sowie das Abgrenzen von der Erwachsenenwelt. «Sie brauchen Internet und soziale Medien als Spielwiese», sagt Linguistin Frick. Es sei kaum relevant, ortsfest und richtig zu schreiben.

Ein veraltetes Dialektverständnis

Darum relativiert Karina Frick die Diskussion um den Druck auf die Dialekte. «Angleichungen der Ortsmundarten gibt es», bestätigt sie. Aber dies sei ein Abbild der Gesellschaft, wo ja die meisten Mundartsprecher nicht mehr so ortsgebunden seien. Das Bedauern bringe wenig.

Buchhinweis

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Christa Dürscheid und Karina Frick: «Schreiben digital. Wie das Internet unsere Alltagskommunikation verändert». Stuttgart, 2016.

«Das Problem ist, dass man dabei von einem veralteten Dialektverständnis ausgeht, in dem nur eine Art richtig ist. Aber so sieht die Welt halt nicht mehr aus», sagt Karina Frick.

Sie jedenfalls freue sich am überregionalen Hype der Mundarten – auch wenn eine Folge davon sei, dass Ortsmundarten sich nicht mehr so ausgeprägt abhöben. Allfällige Auswirkungen des regellosen Mundartschreibens auf die mündliche Sprache sind übrigens nicht bestätigt.

Deutschschweizer lieben Emojis

Christina Siever von der Universität Zürich forscht auch zu Emojis. Diese werden in der Deutschschweiz überdurchschnittlich oft eingesetzt. «Emojis ersetzen bei mir oft Mimik und Gestik», sagt der 17-jährige Dominik.

Sprachwissenschaftlerin Siever bestätigt das: «Viele Junge präzisieren den geschriebenen Text mit Emojis, weil das Gegenüber fehlt. So stellen sie sicher, dass die richtigen Emotionen ankommen.»

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