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Warum braucht es Utopien? Harald Welzer im Gespräch
Aus Kultur-Aktualität vom 13.11.2019.
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Soziologe Harald Welzer «Über den Elefanten in unseren Wohnzimmern sprechen wir nicht»

Unser Turbokapitalismus steuert auf den Kollaps zu, sagt Harald Welzer. Mit seinem aktuellen Buch, das Welzer an der Buch Basel vorstellte, will er Lösungswege aufzeigen.

Harald Welzer will es nicht bei der allgemeinen Zukunftsverdrossenheit belassen. Er findet, wie unsere Zukunft auszusehen habe, gehe jeden etwas an: «Moderne Gesellschaften leben davon, dass es einen Zukunftsentwurf gibt, wo man sich als Bürgerin und Bürger einschreiben können muss».

Damit meint Welzer, dass Bürger eine eigene Haltung entwickeln und selbst gestalten sollen. Und er ist der Meinung, Veränderung sei absolut nötig, weil es so wie bisher nicht weitergehen könne.

Konsumieren bis zum Kollaps

Unser Problem sei nicht die Not, unser Problem sei der Wohlstand, so Welzer. Wie die Made im Speck lebten wir im Turbokapitalismus: «Der ist darauf angewiesen, dass Menschen ohne Unterlass neue Bedürfnisse entwickeln, und dass es Wirtschaftszweige gibt, die diese neu entwickelten Bedürfnisse befriedigen.

Die Menschen konsumieren also so viel wie nie zuvor. Zwar wüssten sie um die Gefahr fürs Klima, trotzdem würden einige zum Weihnachts-Shopping nach New York fliegen und andere einen überdimensionierten Stadtgeländewagen fahren. Für Welzer sind das Menschen, die nach dem Credo leben «Wenn das nicht für immer geht, dann nehme ich jetzt soviel ich kriegen kann.»

Dass dieses wirtschaftliche Prinzip letztlich zum Kollaps führt, würden viele dabei einfach ausblenden: «Jedes Produkt braucht Rohstoffe, jede Rohstoffgewinnung braucht Energie. Das alles richtet Zerstörung an, und hinterher muss der ganze Kram noch entsorgt werden. Über diesen Elefanten in all unseren Wohnzimmern sprechen wir nicht.»

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Aus dem Archiv: Harald Welzer – «Unsere Freiheit ist bedroht»
Aus Sternstunde Philosophie vom 02.08.2015.
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Schrittchenweise zur Besserung

Was ist also zu tun? Harald Welzer hat keinen Masterplan parat, er empfiehlt kleine Schritte, die er «konkrete Utopien» nennt. Wie Legosteinchen ergeben sie zusammengesetzt ein grosses Ganzes. So könne sich nachhaltig etwas verändern.

Wenn es zum Beispiel immer mehr Menschen wichtig wäre, aufs Auto zu verzichten, dann würden vielleicht mehr Politiker die Wünsche nach einer autofreien Stadt umsetzen.

Als weiteres Beispiel nennt Welzer unser Zuviel an Arbeit. Er schlägt vor: «Wie wäre es, wenn wir einfach weniger arbeiten würden?» Dann müsste man den ganzen Stress auch nicht durch Konsum und schöne Dinge kompensieren. Und das würde auch gleich unsere Ressourcen schonen.

«Modernisierung bedeutet Konflikt»

So schön die Vorschläge von Harald Welzer sind: Sie sind theoretische Konstrukte, die nicht für jedermann umsetzbar sind. Es gibt Menschen in Europa, die auf das Auto angewiesen sind – vor allem da, wo der Nahverkehr nicht so gut ausgebaut ist. Und es gibt Menschen, die können es sich nicht leisten, weniger zu arbeiten.

Buchhinweis

Harald Welzer: «Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen». S. Fischer, 2019.

Und schliesslich gibt es Menschen, die ganz bewusst nichts verändern wollen. Die auf ihren Lebensstandard und all die Annehmlichkeiten nicht verzichten wollen. Was macht man mit denen?

Harald Welzer sagt, die seien ihm schlichtweg egal: «Der Prozess, da hinzukommen, verläuft über Konflikte. Denn Menschen möchten ihre Besitzstände, ihre Gewohnheiten ungern freiwillig aufgeben. Aber Modernisierung bedeutet immer Konflikt.»

25 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Viele sind Opfer ihres Konsumverhaltens. Je mehr man sich leistet, umso mehr muss man dafür arbeiten. Grundsätzlich könnte man z.B. auf ein eigenes Auto verzichten und dank der Einsparung vielleicht nur noch 4 Tage in der Woche arbeiten. Was wird höher gewichtet? Nach meinen Feststellungen das Auto - und auf Fernsehen, Ferien, Handy und weiteres verzichtet man auch nicht. Selbst wenn man nicht mehrweiss, was man noch haben möchte, wird einem das von der Werbung eingeflüstert.
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  • Kommentar von M. Kaiser  (Klarsicht)
    Hr. Welzer sieht die Gefahren sehr gut, es sind diese Gespräche wie Sternst. zeigt, die zum nachdenken anregen und erkennen lässt, wo der Einzelne die Grenzen setzt, sich dieser schleichenden Gefahr zu entziehen. Wenn über jeden Bürger ein Steckbrief seiner gesamten Personenstruktur vorliegt und deren Summe diktatorisch missbraucht wird, wie heute schon in China, dann sind wir genau wie einst bei Hitler, nicht mehr frei im Denken und Handeln weil die totale Überwachung uns den Kopf kürzer macht.
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  • Kommentar von pedro neumann  (al pedro)
    Das Grundproblem ist: Wir sind zu viele! Unser Wirtschaftssystem beruht aber auf immer mehr: MEHR Menschen, MEHR Umsatz, MEHR Konsum. Stagnation ist Rückschritt. Bloss: Die Natur erträgt dieses Modell auf die Dauer nicht. Ich glaube nicht daran, dass mehr Verzicht das Problem final löst, denn es ist nicht das Grundübel....
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    1. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      @al pedro: wir sind zu viele, die auf Kosten von anderen/anderem leben. Entweder auf Kosten der Natur oder auf Kosten von Menschen im globalen Süden.
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