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Honduras: Auf der Suche nach einer versunkenen Zivilisation
Aus nano vom 20.05.2020.
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Spektakuläre Funde in Honduras Schweizer Archäologen entdecken eine unbekannte Kultur

Scherben, Schmuck und Instrumente: Forscher aus der Schweiz und Deutschland haben bei Grabungen in Zentralamerika einen Volltreffer gelandet.

Trujillo ist eine kleine Stadt an der Nordostküste von Honduras. Ein Fort aus dem 16. Jahrhundert zeugt von der oft gewalttätigen Geschichte der vergangenen rund 500 Jahre, die geprägt sind von Eroberung, Piraterie, Sklaverei, Ausbeutung und korrupten Diktaturen. Was davor war, war bisher weitgehend unbekannt.

Nun haben Grabungen die Spuren einer Kultur zutage gefördert, die dort einst ansässig war. Dahinter stehen Peter Fux vom Zürcher Museum Rietberg sowie der Universität Zürich und Markus Reindel, der im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts bereits die weltberühmten Nasca-Linien in Peru erforscht hat.

ein Mann im Wald
Legende: Peter Fux in Honduras: Er will so viel wie möglich über die bisher unbekannte Kultur in Erfahrung bringen. Peter Fux

Sie ersuchen die Unterstützung der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland (SLSA) und starten gemeinsam ein archäologisches Grossprojekt, das nun in seine heisse Phase tritt.

Heiliger Ort auf dem Schulhof

Etwa 20 Kilometer westlich von Trujillo liegt das Fischerdorf Guadalupe. Man erreicht es nach einer etwa einstündigen rumpeligen Fahrt über eine Sandpiste.

eine Schule, wo die Kinder draussen stehen
Legende: Ein ungewöhnlicher Grabungsort: die lokale Schule in Guadalupe. Jo Siegler

Hier befindet sich das Grabungshaus. Und hier begann 2016 die erste Ausgrabung – auf dem Pausenhof der Dorfschule. «Es war damals eine etwas prekäre Sicherheitslage», erinnert sich Markus Reindel.

«Deswegen haben wir uns einen Platz ausgesucht, an dem die Sicherheit gegeben ist: ein Schulgelände. Das Gelände ist von einer Mauer umgeben und es gab gleich nebenan einen Siedlungshügel. Da wollten wir erstmals ein Pilotprojekt starten, um zu sehen, wie man hier arbeiten kann.»

Archäologen arbeiten in einem Graben
Legende: Vor der Schule legen die Archäologinnen und Archäologen ein Skelett frei. Deutsches Archäologisches Institut

Und wie es sich arbeiten liess! In dem schmalen Grabungsschnitt von nur zwei mal zwölf Metern türmten sich Abertausende Keramikscherben über den Bestattungen von mindesten drei Menschen.

Dazwischen entdeckte man kostbare Schmuckstücke aus Jade und Obsidian, Glöckchen aus Bronze und kleine Musikinstrumente, sogenannte Okarinas, die sich selbst nach über 1000 Jahren noch bespielen lassen.

eine Tonfigur auf einem Blatt Papier
Legende: So gut wie neu: Mit den Okarinas könnte man auch heute noch musizieren. SRF

«Die Grabung war so erfolgreich und fundreich, dass wir vier Jahre gebraucht haben, um den Platz, den wir dort testweise angegraben haben, fertigzustellen bis zum fundleeren Boden», freut sich Markus Reindel über den fulminanten Auftakt.

Eine eigenständige Kultur

Für die Universität Zürich ist die Archäologin Franziska Fecher mit dabei. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über die Ausgrabung in Guadalupe und ist davon überzeugt, dass die Fundstelle auf dem Schulhof kein schnöder Abfallhaufen, sondern ein zeremonieller Bestattungsplatz war.

Zudem belegen viele Fundstücke, wie die aus dem heutigen Guatemala über fast 400 Kilometer importierte Jade-Perle, dass die Menschen damals weitreichende Handelsverbindungen mit ihren Nachbarkulturen wie den Maya unterhielten.

ein Scan von verschiedenen Fundstücken aus Jade
Legende: Sie sind winzig klein, aber ihr Fund hat grosse Bedeutung: Jade-Perlen, die das Forscherteam in Honduras fand. Deutsches Archäologisches Institut Berlin

Gleichzeitig stellt Franziska Fecher fest, dass der Maya-Einfluss über den Handel nicht hinausgereicht haben dürfte: «Das ist hier im nordöstlichen Honduras, wenn man so möchte, eine ganz eigene Kultur.»

Von nun an will das Forscherteam ein Gebiet im Umkreis von bis zu 50 Kilometern nach verschollenen Siedlungen und weiteren Fundstellen absuchen, doch Markus Reindel kennt die Schwierigkeiten. «In so einem Gelände Fundorte zu finden ist nicht einfach. Man kann hier nicht einfach in den Wald gehen und die Humusschicht beiseiteschieben und schauen, was da auf dem Boden liegt. Wir können auch nicht mit Luftbildern arbeiten, weil es eine starke Vegetationsdecke gibt.»

Für den Überblick ist ein Spezial-Flugzeug aus den USA angefordert. Es soll mithilfe der sogenannten Lidar-Technologie per Laser den Erdboden abscannen und selbst unter dichter Vegetation verborgene archäologische Strukturen sichtbar machen. Doch in diesem Jahr steht es noch nicht zur Verfügung.

«Das war ein Volltreffer!»

Also machen sich die Forscher zu Fuss auf den Weg und befragen die Bevölkerung. Markus Reindel schwört seit Jahren auf diese Strategie: «Das ist immer wieder ein tolles Erlebnis. Die Leute erzählen und wissen oft gleich, was man sucht.»

So entdecken die Archäologen immer neue Fundstellen: Siedlungsplätze entlang der Küste, verzweigte Wegnetze, Höhlen mit Fundstücken in den Bergen und uralte Siedlungen im Hinterland.

ein Mann sitzt im Garten am Laptop
Legende: Jeder Stein hat eine Geschichte: Markus Reindel freut sich, dass das Experiment in Honduras geglückt ist. Jo Siegler

In einem kleinen Dorf, dessen Name Markus Reindel zum Schutz der Fundstelle noch geheim halten will, zeigt ihnen ein Mann Keramik, die er beim Graben einer neuen Latrine für sein Haus gefunden hat. «Da sind wir hellhörig geworden, haben einen Termin gemacht und uns das angeschaut. Das war ein Volltreffer!»

Denn zum Vorschein kommen die Spuren einer Siedlung, die nach ersten Erkenntnissen deutlich älter sein könnte als 2000 Jahre. Bewahrheitet sich der Verdacht, wäre dies ein riesiger Erfolg für das Forscherteam, denn bisher galten weite Teile von Honduras als archäologisch uninteressant.

ein Kind hält eine Tonfigur
Legende: Spuren einer nahezu unbekannten Kultur: Wer hat hier im Osten von Honduras gelebt? SRF

Durch die Arbeiten der schweizerisch-deutschen Equipe wird sich dieses Bild in Zukunft jedoch grundlegend ändern. Auch wenn die Corona-Krise vorläufig ein jähes Ende der diesjährigen Kampagne erzwingt: Die Archäologen wollen so bald wie möglich nach Honduras zurückkehren, denn es gibt noch viel zu entdecken. Das Museum Rietberg plant bereits für Januar 2021 eine erste Ausstellung.

Sendung: SRF 1, nano, 19.05.20, 10:50 Uhr

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Gasser  (allesrotscher)
    Mag ja ganz interessant sein in die Vergangenheit zu schauen. Wenn ich mir aber die Gegenwart der heutigen menschlichen Gesellschaft anschaue komme ich zum Schluss: Es wäre besser an der Erforschung einer heilen Zukunft diese Energien zu verwenden. Die Vergangenheit ist unabänderlich, die Zukunft kann und muss noch gestaltet werden. Der ganze Aufwand ist aus dieser Perspektive völlig wertlos. Es kommt mir vor wie jemand der im fahrenden Zug sich für das begeistert was er hinter sich lässt.
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    1. Antwort von Walter Schmid  (W. Schmid)
      Bemerkt Herr Gasser, bei Ihnen wie bei mir 34
    2. Antwort von Nico Stäger  (Nico Stäger)
      Ich kann die monetäre Sicht Ihrer Meinungsäusserung verstehen und bin sehr für einen vernünftigen Umgang mit Forschungsgeldern. Aber es gibt auch Werte wie Schönheit oder Naturverbundenheit, welche nicht nur für uns wichtig sind, sondern auch für die Menschen vor Ort. Und mir gefällt z.B. eine gotische Kirche einfach besser, als die neuen Glastürme der Finanzgötter; oder der warme Ton eines alten Instrumentes besser, als eine E-Gitarre. Das berührt und verbindet; bildet ein Fundament für mehr...
    3. Antwort von Samuel Nogler  (semi-arid)
      Die Zukunft kann genausowenig beinflusst werden als die Vergangenheit. Gestalten lässt sich nur die Gegenwart. Um Die Gegenwart zu verstehen kann die Vergangenheit erforscht werden....man findet heraus, dass es nichts neues unter der Sonne gibt und auch in Zukunft nicht geben wird. Die Sonne geht auf und sie geht wieder unter, die Menschen stehen auf und gehen dann wieder schlafen, sie werden geboren, wachsen, schrumpfen und sterben dann wieder. Blumen spriessen und verdorren wieder....
    4. Antwort von Arno Zingg  (Arno Zingg)
      Wenn die Menschheit nicht aus der Vergangenheit gelernt hätte, würden wir heute immer noch in Höhlen hausen. Das lernen aus Erfolgen und Fehlern unserer Vorfahren war und ist entscheidend für unsere Entwicklung.
    5. Antwort von Markus Greenaway  (markus greenaway)
      wie der kollege unten wohl auch eher bildungsscheu ? macht nichts ... ich ertrag auch euch !
    6. Antwort von David Kobelt  (David Kobelt)
      Eigentlich ist es müssig sich in diese Debatte einzuschalten und amüsant sie vom aussen zu beobachten. Trotzdem: Die Gegenwart ist geprägt von alldem, was der Vergangenheit angedichtet und der Zukunft zugeschrieben wird. Wir tun also gut daran, uns über die Konsequenzen dieser Geschichten Gedanken zu machen und dazu gehört auch die Arbeit an den Quellen, den Dingen am Anfang von Geschichten.
  • Kommentar von Walter Schmid  (W. Schmid)
    Was bringt dass, dies ist nun wirklich Geld verblöden. Mit dem Geld könnte man wohl der einheimischen Bevölkerung bessere Schulen und handwerkliche Ausbildung zukommen lassen. Spielt es heute eine Rolle, ob die vergessene Kultur Handel mit den Mayas getrieben haben oder nicht.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Hr. Schmid, ich befürchte wir sind einfach der Zeit voraus!
    2. Antwort von marc rist  (mcrist)
      Insbesondere unter dem Aspekt, dass die nächstgelegene bedeutende Maya-Siedlung, Copán, auch für damalige Verhältnisse keine Weltreise entfernt lag.
    3. Antwort von Philipp Schläfli  (Q)
      Ein Landstrich, wo eine marginalisierte Minderheit lebt, wo zweifelhafte Immobilienmagnaten Landstriche verbauen und Palmölplantagen prominent sind, erhält eine Geschichte. Das Stiften kultureller Werte und einer Bedeutsamkeit dürfte den Bewohnern gut tun und die Kinder des Schulhauses mitprägen. Der erzieherische Effekt dürfte weitaus nachhaltiger sein, als wenn bloss ein neues oder besseres Schulhaus gebaut würde. Mich freuen diese Arbeiten der Archäologen.
    4. Antwort von Philipp Schläfli  (Q)
      Die Region einer Minderheit, wo dubiose Immobilienmagnate ihr Unwesen treiben und riesige Palmölplantagen sind, erhält etwas Identität. Durch die Arbeit der Archäologen stiftet der Bevölkerung ein Stück Geschichte und Bedeutsamkeit. Der Effekt auf die Bevölkerung der Region und insbesondere auf die Schulkinder dürfte vom Bildungsstandpunkt her weitaus nachhaltiger sein als durch das Hinstellen von Schulen. Mich freut, dass die Archäologen hier einen wichtigen Beitrag leisten können!
    5. Antwort von Markus Greenaway  (markus greenaway)
      bildungsarm ? tut mir leid !!! ist aber ok
  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Eine sehr interessante Dokumentation. Besten Dank dafür. Natürlich hoffe ich, über die Medien später noch mehr über dieses Forschungsprojekt zu erfahren.
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    1. Antwort von Jonathan Nagel  (J.Nagel)
      oder Sie gehen nächstes Jahr ins Museum Rietberg. Dieses hat regrlmässig grossartige Ausstelungen