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Spirituelle Wege in Graubünden Wo einst Krieg herrschte, wird heute meditiert

Bis aufs Blut haben sich einst Reformierte und Katholiken im Valposchiavo bekämpft. Heute ziehen sie an einem Strang.

Legende: Video Trailer: Sternstunde Religion – Spirituelle Wege im Bündnerland 3/3: Valposchiavo abspielen. Laufzeit 00:50 Minuten.
Aus Sternstunde Religion vom 07.10.2018.

Das heilige Gemetzel beginnt im Veltlin im heutigen Italien. Im Jahr 1620 bringen dort Katholiken Hunderte Protestanten um. Wegen ihrer Konfession. Verfolgung und Vertreibung greifen auf das benachbarte Valposchiavo über.

Auch hier werden Protestanten gejagt und getötet. Heute noch fällt im Gespräch mit Reformierten im Valposchiavo bald einmal das Stichwort «Sacro macello», der Veltliner Mord. Das Massaker wirkt während Jahrhunderten nach.

Protestanten provozieren

Es ist die Zeit des Dreissigjährigen Kriegs in Europa. Gekämpft wird um die Macht und die strategisch wichtigen Alpenpässe in der Gegend. Gestritten wird auch um die wahre Religion, um die richtige Konfession.

Ein Mann spaziert über eine Wiese, im Hintergrund sieht man einen Wald und eine Kapelle.
Legende: Die Konfessionskriege sind längst vorbei. Heute ist das Valposchiavo eine äusserst friedvolle Gegend. SRF / Mirella Candreia

Dem Gemetzel gehen Provokationen auf reformierter Seite voraus. In Thusis wird der katholische Priester Nicolò Rusca von Protestanten der Ketzerei bezichtigt und zu Tode gefoltert. Erst vor kurzem, im Jahr 2013 hat Papst Franziskus den Schweizer Rusca seliggesprochen. Für Bündner Reformierte ein schwer nachvollziehbarer Akt.

Eiszeit der Konfessionen

Nach den Ereignissen im Dreissigjährigen Krieg schotten sich die Reformierten und die Katholiken im Valposchiavo weitgehend voneinander ab. Sie leben in getrennten Welten.

Das Valposchiavo

Das Valposchiavo liegt im Südosten der Schweiz im Kanton Graubünden. Das Tal erstreckt sich vom Bernina-Pass südwärts bis zum Veltlin in Italien. Das sind 25 Kilometer Luftlinie und knapp 2000 Meter Höhenunterschied. Hauptort des Tales ist das schmucke Poschiavo.

Öffentliche Ämter werden gemäss dem Bevölkerungsanteil im Verhältnis 2:1 zwischen Katholiken und Protestanten aufgeteilt. Man ärgert sich gegenseitig, missachtet demonstrativ die Feiertage der anderen Konfession. Heiraten über die Grenzen der Konfession hinweg sind verpönt. Die öffentlichen Schulen bleiben bis 1968 nach Konfessionen getrennt, die Kindergärten bis 1990.

Umkämpfte Täler

Heute sind rund zehn Prozent der Bevölkerung im Valposchiavo reformiert. Das Tal liegt im Kanton Graubünden und ist gleichzeitig nach Italien orientiert. Auch dies hat historische Gründe. Chur und Como, später Mailand, kämpfen schon immer um die Vorherrschaft über das Valposchiavo und das Veltlin.

Eine idyllische Landschaft mit Dorf von oben: er ist eingesäumt durch Berge und Wälder.
Legende: Valposchiavo: Wo früher das heilige Gemetzel stattfand, werden heute spirituellen Wanderungen unternommen. SRF / Mirella Candreia

Im 15. Jahrhundert treten die Puschlaver dem Gotteshausbund bei. Dieser wird zusammen mit dem Grauen Bund und dem Zehngerichtebund 1471 zu den Drei Bünden und somit Teil der alten Eidgenossenschaft. Auch das Veltlin, das beinahe 300 Jahre lang ein Untertanengebiet der Drei Bünde ist, gehört faktisch dazu.

Im Puschlav, wie das Valposchiavo im Norden genannt wird, spricht man Italienisch. Doch den deutschen Namen «Puschlav» hört man im Tal nicht gerne, denn Deutsch ist hier die Sprache der Minderheit. Die Reformierten gehören damit einer doppelten Minderheit an: sprachlich und religiös.

Eine Kirche an einem Felshang.
Legende: Der Konfessionsstreit ist zwar längst vorbei, doch die Erinnerung daran besteht weiter. SRF / Mirella Candreia

Sinnsuche statt Glaubenskriege

Das Vecchio Monastero im Hauptort Poschiavo wird in der Zeit der schärfsten Konfrontation zwischen den Konfessionen im 17. Jahrhundert gebaut. Mit seinen uralten, dicken Mauern, dunkelgelb gestrichen, wirkt es wie ein katholisches Bollwerk gegen die Protestanten.

Heute beherbergt es ein Zentrum für Spiritualität, Ökumene und Kultur. Die Schwestern vom Orden der Augustinerinnen lesen die Zeichen der Zeit.

Fernsehserie «Spirituelle Wege im Bündnerland»

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Norbert Bischofberger stellt in der drei Folgen der «Sternstunde Religion» alte Pilger- und Passwege im Bündnerland vor. Die Täler Val Lumnezia, Oberhalbstein und Valposchiavo sind bis heute geprägt durch die Urkraft der Berge, alte religiöse Traditionen und den Konflikt zwischen den Konfessionen.

In ihrem Kloster bieten sie Leuten, die nach dem Sinn des Lebens suchen, eine Oase der Ruhe. Menschen, die nicht religiös sein wollen, finden hier eine Zufluchtsstätte auf Zeit. Sie können durchatmen, meditieren, spirituelle Impulse aufnehmen.

Die Konfessionskriege sind längst vorbei. Reformierte und Katholiken ziehen heute im Valposchiavo an einem Strang. Die Erinnerungen an die düsteren Zeiten allerdings sind im Tal noch nicht verblasst. Die Menschen aber gehen ihre eigenen Wege, spirituelle oder andere.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Dies ist ein erfreuliches Beispiel aus der Kirchengeschichte. Dieses Miteinander sagt aus, dass christliche Werte ein gemeinsames inneres Gut sind. Statt gegen einander zu kämpfen und sagen, wir sind die „richtigen“ Christen, werden Freud und Leid geteilt. Und einander zu ergänzen mit den verschiedenen Gaben, ergibt ein schönes Ganzes. Bei Konflikten an deren Lösungen zu arbeiten, gehört auch zu einem „erfolgreichen“ Zusammenleben. Das hat Zukunft und lässt Kirchen glaubwürdig erleben.
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