Blutspuren am ganzen Körper. Von Schlagstöcken und Geisselungen. An Händen und Füssen Male einer Kreuzigung, die rechte Brust zeigt eine offene Stichwunde – und am Kopf: Spuren einer Dornenkrone. Ist das das Abbild Jesu von Nazareth?
Für gläubige Christinnen und Christen ist das Turiner Grabtuch die vielleicht wichtigste Reliquie, für Skeptiker ein Meisterwerk mittelalterlicher Täuschung.
Ein Mysterium
1978 erhält ein internationales Forschungsteam Zugang zu dem 4.40 Meter langen Leinentuch. Es findet Blutspuren, DNA und Pollen, aber weder Pinselstriche, noch Pigmente, oder erkennbare Bearbeitungsspuren – und kommt zum Urteil, die Entstehung des Bildes lasse sich mit keiner bekannten Methode erklären. Ein Mysterium, fast so rätselhaft wie die Auferstehung, auf die das Tuch verweisen soll.
Der Filmemacher Florian Höllerl hat sich kürzlich diesem Rätsel angenommen. Er mutet sich kein endgültiges Urteil zu, sagt aber: «Wenn man die ganzen naturwissenschaftlichen Forschungen hernimmt, findet man am Ende immer noch mehr stichhaltige Punkte für eine Fälschung als für die Echtheit.»
Alles künstlich?
Historische Spuren sprechen zunächst eine deutliche Sprache: Dokumente aus dem Jahr 1357 berichten, wie der Bischof von Troyes das Tuch kurz nach seiner ersten Ausstellung untersuchen lässt – und zum Schluss kommt, das Bild sei «künstlich porträtiert», der Künstler habe den Betrug zugegeben.
Diese Zweifel geraten später in Vergessenheit, das Tuch wird verehrt und die Kirche schenkt ihm einen eigenen Feiertag.
Nur mittelalt?
Als 1988 mittels Radiokarbon-Methode eine Altersbestimmung vorgenommen wird, scheint der Fall klar: Drei Labors datieren das Leinen auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 – mitten ins europäische Mittelalter.
Die Gegenargumente lassen nicht lange auf sich warten: Die entnommene Probe stamme aus einem später ausgebesserten Randbereich; Brände, Rauch und häufiges Berühren hätten die Fasern verunreinigt.
Ein Fall für die Rechtsmedizin
Der italienische Chemiker Luigi Garlaschelli will es genauer wissen und tüftelt. Er zeigt, wie sich mit einem Flachrelief, Ocker sowie Erhitzen und Waschen des Tuchs ein Negativbild erzeugen lässt, das dem Grabtuch auffallend ähnelt. Wer es für eine Fälschung hält, muss einen genialen Künstler annehmen, der seiner Zeit weit voraus war.
Gleichzeitig gibt es Hinweise, die auf einen realen, gequälten Körper hindeuten. Der quer verlaufende «Blutgürtel» am Rücken entstand in einem Experiment der deutschen Gerichtsmedizinerin Stefanie Ritz, wenn der Körper beim Einhüllen kurz angehoben und gedreht wurde. Ähnliche Spuren im Gesicht sind erklärbar, wenn das Blut bei der Bestattung vom Salbungsöl noch feucht war.
Wahr? Falsch? Nicht so wichtig?
Das Grabtuch ist längst zum Politikum geworden. Für Höllerl ist klar: «Es gibt Vereinnahmungsversuche von religiöser wie von naturwissenschaftlicher Seite.» Zwar könnte die moderne Wissenschaft Alter und Entstehungsgeschichte genauer bestimmen, doch die Kirche hat weiteren Eingriffen bisher nicht zugestimmt.
Vielleicht ist in Glaubensfragen das Wahr oder Falsch gar nicht so relevant. Höllerl meint: «wichtiger ist, dass man sich mit der Idee des Jesus Christus auseinandersetzt und daraus etwas schöpfen kann.»