Im Lebensmittel-Detailhandel in den frühen 1980er-Jahren: Mein Arbeitstag beginnt um 6:30 Uhr mit dem Eintüten der Backwaren. Damit die Ware bereit ist, wenn um 7 Uhr die Filiale öffnet. Von Tag zu Tag wechseln unplanbar Dauer und Uhrzeit der Mittagspause. Ladenschluss um 18:30 Uhr, Aufräumen bis 19:00 Uhr. Wochenarbeitszeit: 44 Stunden.
Heute, in anderer Branche, in anderer Funktion: Eine 40-Stunden-Woche entspricht dem Vollzeitpensum, je nach Aufgabe arbeite ich zu festen Zeiten oder nach eigenem Ermessen, ab und zu von zu Hause aus und seit vielen Jahren in Teilzeit.
Stichwort Teilzeitarbeit: 1960 waren vier Prozent der Schweizer Erwerbstätigen in einem Pensum von unter 90 Prozent beschäftigt, 1990 waren es 19 Prozent, 2024 bereits 39 Prozent. Knapp 59 Prozent der Frauen und rund 21 Prozent der Männer verzichten auf eine 100-Prozent-Stelle, hauptsächlich wegen familiärer Aufgaben.
Mit höherem Lebensalter steigt die Teilzeitquote. Besonders hoch ist sie in Dienstleistungsberufen, im Verkauf und bei Hilfsarbeitskräften, am niedrigsten im Handwerk, bei Menschen, die Maschinen bedienen, und bei Führungskräften. In der Schweiz ist die Teilzeitquote nach den Niederlanden die zweithöchste in Europa. Der EU-Durchschnitt liegt unter 20 Prozent.
Gleitzeitarbeit, über deren Beginn und Ende man ausserhalb von Blockzeiten selbst bestimmen kann, kam zuerst 1969/70 im Management auf und hat sich seither ausgeweitet. Erst ein Randphänomen ist die Viertagewoche. Homeoffice aber hat mit der Pandemie einen Schub erhalten. Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten 2024 rund 37 Prozent der Erwerbstätigen gelegentlich zu Hause.
Flexibilisierung für wen?
Flexibilität sei grundsätzlich sinnvoll, sagt Gabriela Medici, Co-Leiterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Ihre Mitglieder wünschten sich «vor allem mehr Verlässlichkeit im Alltag», also «planbare Arbeitszeiten, die Möglichkeit, das Leben gut organisieren zu können und die arbeitsfreien Zeiten geniessen zu können».
Viele erlebten leider im Moment eher das Gegenteil, so Medici: «Wenn Arbeitszeiten äusserst kurzfristig festgelegt werden, teilweise in Whatsapp-Gruppen, übers Wochenende, am Abend, in der Nacht, wenn sie kurzfristig einspringen müssen für kranke Kolleginnen und Kollegen, und wenn die Erwartungen an die ständige Erreichbarkeit gross sind, wird Flexibilität zur Belastung.» Dann profitierten davon vor allem Arbeitgeber und deren Kunden, nicht aber die Erwerbstätigen, sagt Gewerkschafterin Gabriela Medici.
«Echte Flexibilität ist häufig mit einem guten Ausbildungsstand und hohem Einkommen verbunden. Die Flexibilisierung zugunsten der Arbeitgeber dagegen betrifft häufig Personen mit tieferen Einkommen, Frauen und Branchen wie die Gastronomie und die Pflege.»
Über ein Drittel der Beschäftigten gebe zudem an, in der Freizeit arbeiten zu müssen, weil sie sonst mit der Arbeit nicht durchkämen. «Das wirkt sich auf die Gesundheit aus. Wir sehen seit Jahren branchenübergreifend steigende Belastungen, mehr Druck, mehr Unsicherheit, mehr Erreichbarkeit. Entsprechend sind die krankheitsbedingten Absenzen seit 2010 um rund ein Drittel gestiegen.»
Heilsbringer Homeoffice?
Caroline Straub, Professorin für Personalmanagement am Institut «New Work» der Berner Fachhochschule, weist auf eine Erhebung des KOF-Instituts der ETH Zürich hin: Schweizer Stellensuchende sind – für die Möglichkeit zum Homeoffice – sogar bereit, auf ein 18 Prozent höheres Gehalt zu verzichten.
Nachteile der Flexibilisierung von Arbeitsort und -zeit sieht Caroline Straub kaum. Aus einer Studie von «Swissstaffing», dem Verband der Personaldienstleister, aus dem Jahr 2023 gehe hervor, dass 80 Prozent der Befragten noch mehr Flexibilität möchten. Und ein Drittel wünsche sich auch eine Arbeitszeitreduktion.
«Je mehr Handlungsspielraum den Leuten gegeben wird, wie sie ihre Zeit einteilen können, desto besser ist natürlich die Gesundheit der Leute. Mit einer höheren Flexibilität kann ich Arbeit und Privatleben besser vereinbaren, was wiederum der Gesundheit zugutekommt.
Schliesslich erhöhe die Flexibilität auch die Produktivität mancher Personen. Wichtig sei allerdings ein klarer Rahmen, also die Arbeitszeiterfassung, auch als Selbstkontrolle für Mitarbeitende: Arbeite ich zu viel? «Denn ohne Arbeitszeiterfassung habe ich nicht die Möglichkeit zu sehen, ob ich Überstunden gemacht habe.»
Es bewegt sich etwas
Die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, die Gewerkschafterin Medici kritisiert, habe zugenommen, stellt auch Caroline Straub fest. Allerdings entnimmt sie deutschen Erhebungen, dass sich etwas bewegt hat: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden mittlerweile ausserhalb der regulären Arbeitszeiten seltener angerufen.
Die Erwartung, ständig verfügbar sein zu müssen, habe abgenommen. Die Führungskräfte hätten erkannt, «dass es nicht gesund ist, wenn sie das von ihren Leuten einfordern und dass es wichtig ist, die Ruhezeiten einzuhalten.»
Indem sie weniger Stunden arbeiten, mehr Ferien haben und mehr verdienen, haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Teil am Produktivitätsgewinn der letzten Jahrzehnte. Aber die Belastung durch die Arbeit hat zugenommen: Arbeitsrhythmus und Arbeitsdichte sind gestiegen.
Gewerkschafterin Gabriela Medici gibt auch zu bedenken: Zwar seien die Arbeitspensen pro Erwerbstätigen deutlich niedriger als einst, doch in einer Familie mit zwei Kindern sei heute ein Berufs-Pensum von 140 Stellenprozenten die Regel, «weil es sonst nicht reicht».