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«Eine Welt ohne Armut ist möglich»
Aus SRF Kultur vom 17.10.2019.
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Tag zur Überwindung von Armut «Die armen Länder sind nicht arm, weil wir reich sind»

Heute ist der Internationale UNO-Tag zur Überwindung der Armut. Die Entwicklungsökonomin Dina Pomeranz erklärt, warum sich extreme Armut in den letzten Jahrzehnten stark verringert hat.

Dina Pomeranz

Dina Pomeranz

Entwicklungsökonomin

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Dina Pomeranz ist Wirtschaftsprofessorin und Entwicklungsökonomin an der Universität Zürich. Zuvor war Pomeranz Assistenzprofessorin an der Harvard Business School und Postdoktorandin am Poverty Action Lab des MIT.

SRF: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Stimmt das?

Dina Pomeranz: Das stimmt so nicht. Es trifft weder auf die Schweiz zu, dass hier die Armen ärmer würden, noch steigt die globale Armut weltweit. Was stimmt an diesem Satz ist: Die Reichen werden immer reicher.

Aber weltweit hat sich die extreme Armut in den letzten Jahrzehnten extrem verringert.

Woran liegt das?

Es kommen viele Sachen zusammen: Globalisierung, technischer Fortschritt, Bildung in armen Ländern und so weiter.

Was heisst extreme Armut?

Es gibt eine internationale Definition: Ein Mensch gilt als extrem arm, wenn er weniger als zwei Franken pro Tag zur Verfügung hat. Das kann man mit Armut in der Schweiz nicht vergleichen.

Aber was vielen Leuten nicht bewusst ist: Auch hier waren vor 200 Jahren fast alle Leute so arm. Damals waren 90 Prozent der ganzen Menschheit so arm, dass sie weniger als zwei Franken pro Tag hatten. Heute haben 90 Prozent der Leute mehr als das, nur noch zehn Prozent der Weltbevölkerung hat weniger zur Verfügung.

Wenn wir die letzten 20 Jahre anschauen: In welchen Weltregionen konnten die Leute am meisten an Wohlstand zulegen?

Alle Weltregionen haben sich verbessert. In Subsahara-Afrika etwa hat die Armutsrate seit 1990 um 20 Prozent abgenommen.

Die Welt ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt und der andere verliert.

Gibt es Länder, die kaum vom Fleck kamen?

Ja, vor allem Kriegsgebiete, etwa die Demokratische Republik Kongo oder Syrien. Ebenfalls Venezuela, wo die Wirtschaft durch den Zusammenbruch des politischen Systems am Boden liegt. Und wenn die Leute sowieso schon arm sind, kann es katastrophal werden.

Sind wir in den hochentwickelten Ländern ein Stück weit schuld an der Armut in den armen Ländern?

Es ist sicher nicht so, dass sie arm sind, weil wir reich sind. Die Welt ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt und der andere verliert. Auf der anderen Seite müssen wir uns bewusst sein, dass die reichen Staaten viel Einfluss haben. Und wir müssen schauen, dass die globalen Spielregeln fair sind.

Etwa in Sachen Handel. Wenn afrikanische Bauern Früchte und Gemüse anbauen und hier verkaufen möchten, schadet es ihnen, wenn wir die Grenzen schliessen, sobald die Beeren in der Schweiz reif sind.

Es hilft nicht, keine Produkte mehr aus Bangladesch zu kaufen.

Dann gibt es einen Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und Umweltschutz, weil wir nachhaltig, also lokal konsumieren wollen und zugleich entwicklungspolitische Anliegen haben.

Bei gewissen Themen kann es einen Konflikt geben, es ist aber nicht allgemein so. Beim Thema Klima ist es genau umgekehrt. Der Klimawandel trifft die armen Länder enorm. Wenn wir uns für Klimaschutz einsetzen, nützt das auch den Leuten in den armen Ländern sehr.

Was können wir tun? Bringt es etwas, wenn ich nichts mehr kaufe, was aus Bangladesch kommt?

Einerseits versuche ich persönlich Fairtrade-Produkte vorzuziehen. Aber es hilft nicht, keine Kleider mehr aus Bangladesch zu kaufen. Dass Bangladesch seine Textilien weltweit verkaufen kann, hat Land und Leuten sehr geholfen, aus der extremen Armut herauszukommen. Aber die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen fair sein.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Statistik zur Entwicklung der Welt

Extreme Armut, Bildung, Demokratie, Grundausbildung und Alphabetisierungsrate: Diese Grafik, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigt die Entwicklung der Bereiche in den letzten 200 Jahren.

40 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Tolles Gespräch. Es gibt Leute in der Schweiz, die das Land noch nie verlassen haben aber genau wissen, dass unser Reichtum von der Ausbeutung der "armen" Staaten kommt. Jeder, der weit gereist ist, weiss, dass das Unsinn ist. Und deshalb finde ich die Aussage von Dina Pomeranz gut, wenn sie sagt, dass die Entwicklungsländer nicht arm sind, weil wir reich sind. Das Beispiel von Bangladesch zeigt schön auf, dass die Globalisierung die Armut gesenkt hat.
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  • Kommentar von Markus Weilenmann  (markusweile)
    Ursachen für Armut in Entwicklungsländern sind: Schwache u schlechte Regierungen: In vielen Ländern Afrikas kontrollieren die Regierungen nicht das ganze Land. Autoritäre Führungsstile sind verbreitet. Unverständnis für Meinungsvielfalt. Schwache Justiz: Rechtsvollzugsraten unter 30% sind häufig. Vetternwirtschaft u Korruption. Teils endlose innere Kriege. Schlechte Infrastruktur (Strassen, Spitäler, Schulen etc.). Hohe Analphabetenraten. Bevölkerungswachstum oft höher als Wirtschaftswachstum.
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  • Kommentar von Tobi Hartmann  (Tobias Hartmann)
    Also diese Frau ist ja schon extrem naiv. Was denkst sie denn wo unser Reichtum her kommt? Wir haben hier internationale Konzerne, welche die armen Länder in jeder möglichen Art ausbeuten. Sie lassen dort fertig gegen Minimallöhne ohne Sozialleistungen. Sie beuten deren Ressourcen aus, indem sie die Korruption ausnutzen. Die Gelder fliessen an der Bevölkerung vorbei in die Taschen einiger Weniger. Gleichzeitig wird den Armen wortwörtlich das Wasser abgegraben, die Umwelt verschmutzt. usw. usw.
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    1. Antwort von Reto Derungs  (rede)
      Ja, ihre Sicht zeigt, dass Sie nicht viel von der Welt gesehen haben. Ich befinde mich zur Zeit gerade in der Karibik. Hier sind es internationale Konzerne wie Nestlé oder der Hotelkonzern Riu die als Vorbilder gelten. Sowohl im sozialen Bereich als Arbeitgeber als auch im Bereich des Umweltschutzes zeigen diese Unternehmen immer wieder, wie der Standard sein müsste. Hier unterdrücken lokale Unternehmen die Arbeitnehmenden und verhalten sich der Umwelt gegenüber rücksichtslos.
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    2. Antwort von Markus Zeberli  (Zebi)
      Zu denken wir sind reich weil andere reich sind ist mit Verlaub Humbug.
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