Bouldern – oder «buldere», wie es in der Deutschschweiz fälschlicherweise ausgesprochen wird – ist gerade total angesagt. Wer bouldert, klettert ohne Seil eine Route in einer Wand, meist im Innern, in sogenannten Kletterhallen. Bouldern ist anstrengend. Manche sagen, es sei vertikales Yoga, weil man sämtliche Bewegungen ohne Hilfsmittel und ausschliesslich mit der eigenen Körperkraft ausführt. Man braucht dazu nicht viel mehr als ein paar sehr enge Schuhe und ein bisschen Magnesium.
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Bild 1 von 3. Bouldern ist beliebt. Nicht nur bei Outdoorfreaks ... Bildquelle: Getty Images/Cavan Images.
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Bild 2 von 3. ... sondern auch als Indoor-Sportart in der Boulderhalle. Bildquelle: Getty Images/Boris_Zec.
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Bild 3 von 3. Petra Klingler, ehemalige Schweizer Sportkletterin, wurde 2016 Weltmeisterin im Bouldern. (28.5.2018). Bildquelle: KEYSTONE/Gaetan Bally.
Erfunden wurde das Bouldern nicht etwa in Boulder, Colorado, sondern Ende des 19. Jahrhunderts im Wald von Fontainebleau südlich von Paris.
Der Wald, dessen Schönheit noch heute überwältigend ist, war damals vor allem bei Künstlerinnen und Künstlern berühmt, die ihm Gedichte widmeten, ihn besangen und ihn – vor allem – malten.
Open-Air-Malerei im Wald
Mit der Erfindung der Tubenfarbe und dem Ausbau der Eisenbahn war es ab 1849 möglich, direkt von Paris in den Wald zu fahren und vor Ort zu malen. Freiluftmalerei war damals ein absolutes Novum. Und so begründete Théodore Rousseau eine später «Schule von Barbizon» genannte Gruppe, die sich in und um Fontainebleau der Landschaftsmalerei hingab.
Was man auf den Gemälden sieht, ist das, was bald auch die Kletterer des Club Alpin Français begeistern sollte: Felsblöcke. Sehr viele Felsblöcke. Rund 30'000 sollen es insgesamt sein. Und an denen begannen die Alpinisten für die Wintersaison zu trainieren, in dem sie sich an kleinen Vorsprüngen hielten und ihre Schuhe in minimalste Vertiefungen steckten. Das war praktischer als tatsächlich in die Alpen zu fahren.
«C'est un joli problème»
Hohe Espadrilles oder spezielle Sandalen ersetzten bald die schweren Bergschuhe. Später entstanden daraus die Kletterfinken, mit denen man heute klettert. «On grimpe une voie», wir klettern eine Route, sagt man auf Französisch, oder noch schöner: «C’est un joli problème», das ist ein schönes Problem. Denn die Kletterrouten werden problèmes genannt. Und die wollen gelöst werden.
Dazu muss man sie allerdings zuerst finden. Denn der Wald ist zwar voll von bekletterbaren Felsen, aber er ist mit rund 220 Quadratkilometern auch sehr gross. Und so sieht man, während man selbst den «cul de chien» oder «Les gorges d’Apremont» sucht, überall andere Kletterwillige, die mit ausgedruckten Karten im Wald herumirren und den Fels vor lauter Felsblöcken nicht finden.
Das gehört aber dazu. Genauso die Tatsache, dass man manchmal 20 Mal in einen Fels einsteigt, ohne das Ziel, das nur zwei Meter entfernt liegt, erreichen zu können. Doch es gibt immer jemanden, der einem zeigt, wie es geht.
So trifft man in den ruhigen Randstunden auf die Nachfahren der Erfinder des Boulderns, die sogenannten «bleausards». Drahtige, feingliedrige Frauen und Männer, die bereits das ganze Leben bouldern, und ein Problem, an dem man selbst zwei Stunden lang herumstudiert, in wenigen Sekunden lösen.