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«Diskret antisemitisch»: Die Haltung der Universität Zürich
Aus Kontext vom 07.11.2019.
abspielen. Laufzeit 09:47 Minuten.
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Uni Zürich zur Nazizeit «Diskreter Antisemitismus» im Hörsaal

Die Universität Zürich habe zur Nazizeit Antisemitismus geduldet und unterstützt, sagt Historikerin Silvia Bolliger.

Silvia Bolliger hat Universitätsgesetze, Protokolle und Akten aus den Jahren zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ausgewertet. Das Fazit der Historikerin: Antisemitismus wurde an der Universität Zürich zu jener Zeit geduldet, ja sogar unterstützt.

Allerdings sei er versteckt gewesen: «Man muss in den Protokollen genau hinschauen, um die Ressentiments zu sehen, insbesondere gegenüber ‹Ostjuden›, aber auch gegenüber deutschen und polnischen Juden.»

Bolliger hat mit ihrer Dissertation «Im Zeichen der Nationalisierung» eine Forschungslücke geschlossen. Bislang war über jene Zeit nur wenig bekannt.

Höhere Auflagen für ‹Ostjuden›

Nun ist klar: Die Universität Zürich erliess antisemitische Massnahmen, noch bevor die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen. «Die Universität Zürich hat schon in den 1920er-Jahren von ‹Ostjuden› – und zwar nur von ‹Ostjuden›, als erste und einzige Ausländergruppe – bei der Immatrikulation eine Zusatzbescheinigung verlangt.»

Die «Ostjuden», also Juden aus Osteuropa, hätten belegen müssen, dass sie genügend Geld für ein Studium haben. Andere Ausländer hingegen waren zunächst noch willkommen.

Der Eingang des Zoologischen Museums an der Universität in Zürich.
Legende: Am Vorabend des Dies Academicus 1933: Fackelzug anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Universität Zürich. Universitätsarchiv Zürich

Das sogenannte Ausländerstudium hatte in der Schweiz eine lange Tradition. Qualifizierte Studierende aus dem Ausland sollten die Schweizer Hörsäle füllen. Auch weil die Schweiz selbst zu wenige Studierende hatte.

In den 1920er-Jahren gab es deswegen immer wieder Konflikte zwischen der Uni Zürich und der Fremdenpolizei, die die Ausländer zunehmend mit Argwohn beobachtete.

«Nicht assimilierbare Elemente»

«Es ist belegt, dass die Fremdenpolizei ihnen systematisch den Aufenthalt in der Schweiz versagte», so Bolliger. Zum Zeitpunkt, als die Universität Zürich gerne mehr ausländische Studierende angezogen hätte, habe sich die Fremdenpolizei kontraproduktiv verhalten.

So forderte sie etwa die kantonalen Stellen dazu auf, «Ostjuden» aus Gründen der «Überfremdung» nicht in die Schweiz einreisen zu lassen. Sie wurden von den Behörden als «unerwünschte, nicht assimilierbare Elemente» diffamiert.

Die «Willkommenskultur» an der Universität Zürich endete Ende der 1920er-Jahre, als immer mehr Studienanwärter aus Amerika, Polen und später Nazideutschland in die Schweiz kamen.

Selektiv bis ablehnend

Die Zeiten hatten sich gewandelt. Zürich war nicht mehr auf ausländische Studenten angewiesen. Sie konnten die Hörsäle mit Nachwuchs aus dem eigenen Land füllen.

Entsprechend selektiv bis ablehnend war ihre Haltung den Bewerbern gegenüber. Die Universität Zürich wollte nur noch fortgeschrittene Studierende zulassen, so Bolliger.

Buchhinweis

Silvia Bolliger: «Im Zeichen der Nationalisierung. Die Haltung der Universität gegenüber ausländischen Studierenden in der Zwischenkriegszeit». Böhlau-Verlag, 2019.

Plötzlich ziehen Fremdenpolizei und Universität an einem Strang: «Es ist offensichtlich, dass die Universität ausländische Studierende als Manövriermasse betrachtete. Insofern war diese Politik nicht liberal, sondern pragmatisch-opportunistisch.»

Die Frage nach der Konfession

1933 ging die Universität noch einen Schritt weiter, indem sie im Immatrikulationsbogen die Frage nach der Konfession einführte. Da war die Zulassung von Juden plötzlich kontrollier- und steuerbar. Eine Diskriminierung, die zum Beispiel die benachbarte ETH nie vornahm.

Das ist ein Indiz für Bolliger, dass es sich nicht um eine Vorschrift seitens der Behörden gehandelt hat, sondern um eine schulinterne Entscheidung. Eine, die sie als «diskreten Antisemitismus» bezeichnet.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Ambauen  (mad2)
    Ich will nicht darüber urteilen, ob oder wie "diskreter Antisemitismus" damals existierte (kenne weder Buch, noch Arbeit oder Quellen von S. Bolliger). Ein paar kritische Fragen ergeben sich trotzdem. Auch heute ist üblich, dass Auslandstudenten höhere Hürden für Unizugang haben (inkl ETH), Bsp höhere Studiengebühren, passender Notenschnitt. Die Uni Zürich ist eine Institution des Kt. Zürich, die ETH des CH- Bundesstaates (auch wenn beide Institutionen weniger als 100m voneinander entfernt).
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    1. Antwort von W. Pip  (W. Pip)
      Sehe ich auch so. Ich bin mit unter dem Strich nicht sicher, wie angebracht die populäre Schlussfolgerung "diskreter Antisemitismus" dann ist oder ob wir hier allenfalls über eine zeitgeschichtliche Fussnote reden, die man -bei aller gebotenen Wachsamkeit dem Thema Antisemitismus gegenüber- nicht aufblasen dürfte.
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    2. Antwort von Peter Ambauen  (mad2)
      Ich bezweifle die Existenz von Antisemitismus weder für heute, noch für die Vergangenheit. Allerdings waren die 20er/30er-Jahre auch stark von einer Furcht vor dem Kommunismus geprägt, gegenüber Einwanderern aus dem Osten im Allgemeinen, weil dadurch auch offen oder verdeckt kommunistische Agitatoren in die Schweiz kamen oder hätten kommen können. Weshalb sich "Ostjuden" und nicht "Osteuropäer" generell zu erkennen geben sollten, wäre dann eine andere Frage.
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    3. Antwort von M. Gall  (Galli)
      @Peter Ambauen

      Was Sie behaupten stimmt so nicht. Beziehe mich jetzt nur auf die ETH. Die Studiengebühren für Auslandstudenten sind die selben, die auch von einheimischen Studenten bezahlt werden.

      Zu dem Notenschnitt: Es kommt darauf an, wo ein Auslandstudent seine Matur, Abitur oder dergleichen gemacht hat. Ab gewissen Schulen reicht der Abschluss, bei anderen muss eine Aufnahmeprüfung an der ETH absolviert werden, dies kann man auch als Schweizer machen, wenn man keine Matur hat.
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  • Kommentar von Beni Berner  (Beni)
    langsam aber sicher bin ich müde über all die subjektiven aufarbeitungen und aufwärmrunden von längst vergangenen zeiten. wir wissen schon so viel und so viel steuergeld wurde dafür "verbraten". und weil wir nie vergessen dürfen, wird solcher stuss dann wieder kopiert und reaktiviert. gerade 2019 ist ein wunderbares jahr für die these "aus der geschichte nichts gelernt".
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    1. Antwort von Noah Neumann  (Neumann)
      „Subjektive Aufarbeitung“? So ein Blödsinn! Es handelt sich dabei um wissenschaftlich fundierte Arbeit, Herr Berner. Zudem über ein brisantes Thema, dessen Wichtigkeit nie an Aktualität verliert. Subjektiv ist hingegen ihr Kommentar, denn er ist eine blosse Behauptung.
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    2. Antwort von Charles Grossrieder  (View)
      So unrecht hat Herr Berner nicht. Diese monatlichen, wenn nicht öfteren; Nazi Geschichten über Themen welche immer mit Antisemitismus zu tun haben; sind kaum zufällig, da zu regelmässig. Ob diese auffällige Frequenz hilft das Problem abzubauen oder gar Sympathie zu erwecken wag ich zu bezweifeln. Erst recht nicht bei den zum Antisemitismus geneigten. Eher sollte man auf das Thema in Anbetracht der heutigen Zeit eingehen und sich fragen, wo/wie diese Probleme geschaffen werden und Lösungen finden
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