«Unter der Burka schnürt es einem die Kehle zu»

Bei der Burka-Diskussion geht vergessen, wie es der Frau unter der Burka geht. Das Gesichtsfeld eingeschränkt, der Gang ist vorsichtig. In der Burka ist nur Enge. Sabina Matthay war viele Jahre als Korrespondentin in Afghanistan. Sie hat erfahren, was es heisst, Burka zu tragen.

Frau mit schwarzer Burka Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Unter der Burka sieht man so schlecht, dass man sich unsicher bewegt und geführt werden muss.» Keystone

SRF: Sabina Matthay, Sie waren als Korrespondentin der ARD auch in Afghanistan unterwegs und mussten für Ihre Arbeit eine Burka überziehen. Wie haben sie sich unter der Burka gefühlt?

Sabina Matthay: Das fühlte sich an, als habe man mir den Weitblick geraubt und die Kehle zugeschnürt, buchstäblich. Die Burka sitzt ganz eng am Kopf, vor den Augen ist ein kleines Gitter eingewebt, man sieht die Welt nur in einem kleinen Ausschnitt und völlig verschwommen. Wenn ich Ihnen jetzt in Burka gegenübersässe, könnte ich Sie eigentlich nur ahnen.

Wie bewegt man sich, wenn man kaum etwas sehen kann?

Sehr vorsichtig tastend. Ich habe mir schon einmal die Knie aufgeschlagen, weil ich auf einem unebenen Pflaster gestolpert bin. Gesundheitsförderlich ist die Burka nicht. Afghanische Frauen, die immer eine Burka tragen, haben jemanden, der sie führt. In der Öffentlichkeit muss immer ein männlicher Verwandter dabei sein, der ihnen sagt, wo es langgeht. Das kann auch ein kleiner Junge sein. Oder ein alter Mann. Jemand, der über ihre Tugend wacht.

Wann haben Sie die Burka getragen?

Ich selbst habe die Burka nur zweimal getragen, um nicht aufzufallen. Einmal in Kandahar, in Südafghanistan und in der nordafghanischen Provinz Baghlan, in einer Gegend, in der die Taliban wieder das Sagen hatten. Ich habe mich anonymisiert, um nicht in Gefahr zu geraten.

Warum tragen Frauen überhaupt die Burka?

Weil Druck auf sie ausgeübt wird – von ihrer Umgebung. Mal wird die Tradition bemüht, mal die Religion. Da dominieren Vorstellungen, wonach die Frauen die Ehre der Familie verkörpern und sich deshalb tugendhaft zu verhalten haben. Dazu gehört es, sich unauffällig zu machen.

Dazu gehört auch, dass sie nicht mit Männern in Kontakt kommen, die nicht zur Familie gehören. Da gilt selbst schon der Blickkontakt als verdächtig. Der würde der Frau zur Last gelegt und nicht dem Mann. Burkas wurden erfunden, um Frauen von der Teilhabe am öffentlichen Leben auszuschliessen, um ihnen Stimme und Gesicht zu nehmen.

Liegt es in der Macht der Frauen, das zu hinterfragen?

Nein. Es gibt zwar durchaus Frauen in Afghanistan, die sagen, die Burka mache sie sicher, sie werden weder angegriffen noch angepöbelt, weil sie sich den Spielregeln beugen. Aber ihre freie Entscheidung ist das meist nicht. Sie werden zur Verschleierung genötigt.

Zusatzinhalt überspringen

Sendehinweis

In der «Sternstunde Philosophie» diskutiert Barbara Bleisch mit dem Juristen Reinhard Merkel und der Philosophin Christine Abbt über die Burka – und wirft einen philosophischen Blick hinter den Schleier, am 4. September um 11 Uhr auf SRF 1.

Was haben Sie mit ihrer Burka gemacht, als ihre Korrespondentinnen-Zeit in Südasien zu Ende war?

Ich habe sie meiner Nachfolgerin als Arbeitskleidung übergeben und meinem Arbeitgeber, der ARD in Rechnung gestellt. Damit habe ich mich freudig von der Burka verabschiedet.

Sie haben Sie nicht mit nach Hause genommen?

Nein. Freundinnen hatten mich gebeten, ein paar Burkas mitzubringen, sie wollten damit im Fasching auftreten. Für mich hat die Burka nach meinen Erfahrungen eine ganz andere Bedeutung, eine bittere. Ich finde sie nicht witzig.

Sendung: Kultur aktuell, 31.8.2016 um 7.20 Uhr auf Radio SRF2 Kultur