Vielfach verliebt: Das Tagebuch einer polyamoren Frau

Ist Polyamorie das ideale Rezept gegen Langeweile in der Zweierkiste? Oder passt die Viel-Liebe vielmehr perfekt in die heutige Zeit, wo alles geteilt und geshared wird? Lea G., die polyamor lebt, gibt einen Einblick in ihre Lebensweise und legt Auszüge aus ihrem Tagebuch offen.

Ein farbiges Herz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Herz – mehrere Lieben: Polyamore Frauen und Männer lieben nicht nur eine Person. onemorenametoremember/photocase

Lea G.* ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie ist verheiratet, lebt aber getrennt von ihrem Ehemann. Und sie liebt Claude und Neno. Gleichzeitig. Beide wissen voneinander. Die 53-Jährige lebt polyamor – das heisst: Sie lebt ihre Viel-Liebe mit dem Einverständnis aller Beteiligten.

Wie sind die Spielregeln dieses Liebesprojekts? Was geschieht, wenn eine neue Person dazu kommt? Lea G. spricht in der Sendung «Kontext» über ihre polyamore Liebeskonstellation und legt hier ihr Tagebuch offen.

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Was ist Polyamorie?

Polyamorie bedeutet Viel-Liebe. Seit den 1990er-Jahren wird der Kunstbegriff bestehend aus griechisch «poly» (= viele) und lateinisch «amor» (= Liebe) verwendet. Es ist ein Begriff für die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur selben Zeit zu haben. Dies geschieht mit vollem Wissen und dem Einverständnis aller beteiligten Partner.

12. Juni 2016

Es regnet. Den ganzen Sonntag. Oh, wie schön, endlich mal einen ganzen Tag zu Hause, in der Wanne, im Bett verbringen! Neno und ich haben vorgesorgt: Feine Häppchen, Wein und Süssigkeiten stehen bereit, so dass wir keinen Schritt in die unwirtliche Aussenwelt machen müssen… Wir igeln uns ein und dürfen uns geniessen, schwelgen, baden im warmen, duftenden Wasser und baden in unserer Zärtlichkeit.

Die Liebe mit Neno ist einfach, schlicht, unkompliziert und doch mit einer Tiefe, die mich immer wieder neu berührt. Und rührt. Wir haben erstaunlicherweise keine Minenfelder. Uns verbindet ein grosses, gegenseitiges Verständnis und eine mir bisher unbekannte psychische Intimität.

Jede unserer Begegnungen ist ein kleines Fest, jedes Date verursacht Schmetterlinge im Bauch, auch nach drei Jahren noch. Wie gut, dass wir uns entschieden haben, nicht zusammenzuwohnen.

16. Juni 2016

Was für ein Morgen! Ich nehme an einem Singanlass teil, den Michael leitet. Ein schöner Mann, gross, schlank, graumeliert. Er spielt mit unwiderstehlichem Charme Gitarre und bringt die Menschen, die sich am frühen Morgen hier versammelt haben, zum Singen und Jauchzen.

Als er mich im Publikum entdeckt, blitzen seine Augen. Anschliessend wechseln wir beim Kaffee ein paar Worte und Blicke, die mehr sagen als uns möglich ist. Wir spüren die starke Anziehung, die Faszination am anderen.

Ein Herz mit einem Unendlichkeitszeichen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für Polyamorie gibt es verschiedene Symbole, das häufigste ist dieses hier: ein Herz mit einem Unendlichkeitszeichen. Ratatosk/Wikimedia

Beide wissen wir jedoch, dass nicht mehr möglich sein wird, als hie und da eine unverbindliche Begegnung. Und Mails, die geheim bleiben müssen.

Michael ist verheiratet, liebt seine Frau und weiss, dass sie eine Nebenbeziehung auf keinen Fall ertragen würde. Schade. So halten wir uns zurück und geniessen die kleinen Momente, die wir geschenkt erhalten (oder uns nehmen).

Einmal mehr bestätigt sich mir die Tatsache, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein mono-amorer Mensch längerfristig eine Polybeziehung duldet.

9. Juli 2016

Soeben komme ich zurück von einem gemeinsamen Tag mit Claude: Picknick, Schwimmen in der Aare und viele, viele Gespräche. Wir kennen und lieben uns seit sechs Jahren.

Die räumliche Distanz und die Tatsache, dass wir beide beruflich engagiert und in verschiedenen Projekten eingebunden sind, hat bewirkt, dass wir langsam und fast unmerklich auseinander gedriftet sind. Wir sahen uns in letzter Zeit immer seltener, die Suche in der Agenda nach gemeinsamen, freien Tagen oder gar Wochenenden wird immer schwieriger. Anderes ist vordringlich oder wichtiger.

Wir verbringen einen intensiven Tag miteinander und stellen uns wichtige Fragen: Was macht unsere Beziehung aus? Was hält uns zusammen? Wie wollen wir weitergehen, wie eine neue Hülle für den veränderten Inhalt definieren? Was ist uns beiden wichtig? Ist es noch Liebe oder schon Freundschaft…?

11. Juli 2016

In zwei Wochen kommt mich Luiz besuchen. Ein äusserst sympathischer Mann, den ich auf meiner Wanderreise in Spanien kennengelernt habe (Liebe…? Ich weiss noch nicht).

Ich durfte damals ein paar Tage bei ihm wohnen, er hat sich rührend um mich gekümmert. Wir genossen unbeschwerte, lustige und auch sinnliche Stunden miteinander.

Nun freue ich mich auf ihn, möchte seine Gastfreundschaft erwidern und bin dran, ein spannendes Programm für uns zusammenzustellen. Was zeigt man einem lieben Menschen, der zum ersten Mal in der Schweiz ist?

Gotthardüberquerung, Käsefondue oder meinen Freund Neno? Natürlich habe ich Luiz von meiner polyamoren Lebensweise erzählt und überraschenderweise reagierte er offen und gelassen.

Da Neno neugierig ist, beschliessen wir, Luiz gemeinsam in Empfang zu nehmen und den ersten Abend zu dritt zu gestalten. Wie wir die Nacht verbringen werden, überlassen wir dem Lauf der Dinge, es gibt verschiedene Optionen, da ich drei Zimmer mit drei Betten zur Verfügung habe. Nur eines wird bestimmt nicht passieren: Dass jeder in einem eigenen Bett schläft…

*Die erwähnten Personen sind authentisch, die Namen geändert.

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