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Das «Land des Glücks» – ein Paradies auf Erden?
Aus Kultur Webvideos vom 11.06.2020.
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Wandel in Bhutan Was tun Unglückliche im Land des Glücks?

Bhutan gilt als «Land des Glücks». Doch seine Bewohner kämpfen gegen Armut, Fake News und eine steigende Suizidrate.

Das Land des Glücks liegt mitten im Himalaja und ist etwa so gross wie die Schweiz. Eingeklemmt zwischen China und Indien leben hier 770'000 Einwohnerinnen und Einwohner nach buddhistischer Religion.

Als «Land des Glücks» gilt Bhutan, weil hier das «Bruttonationalglück» und nicht nur das Bruttosozialprodukt gemessen wird. Nicht Wirtschaftswachstum oder Bruttoinlandsproduktion gelten als Mass aller Dinge, sondern die Zufriedenheit der Einwohner.

Glücklichstes Land? «Das ist nicht der Fall»

«Im Westen gibt es zahlreiche Irrtümer über Bhutan», sagt Karma Phuntsho. «Viele sehen unser Land als Shangri-La und als das glücklichste Land der Welt. Aber das ist nicht der Fall.»

Der Historiker muss es wissen. 2013 hat er als erster Bhutaner eine Gesamtgeschichte seines Landes auf Englisch vorgelegt; in religiöse und philosophische Diskurse mischt der 52-Jährige sich gerne ein.

Bittere Armut

«Acht bis zehn Prozent aller Bhutaner leben in bitterer Armut», resümiert Phuntsho. Zum selben Ergebnis kommt auch eine Studie des US-Markt- und Meinungsforschungsinstituts Gallup.

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Aus dem Archiv: Bhutan – Glück als Regierungsziel
Aus 10vor10 vom 28.01.2020.
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Das Land lebt vor allem von der Energiegewinnung: 27 Prozent der Wirtschaftsleistung werden aus der Stromgewinnung durch Wasserkraft generiert, Tendenz steigend. Indien ist seit Jahren der grösste Abnehmer für Strom.

Wasserkraft als Wirtschaftsfaktor

«Der Strom, der durch Wasserkraftwerke erzeugt wird, bringt dringend benötigte Devisen ins Land», erklärt Chhewang Rinzin, Chef der Druk Green Power Corporation. Das staatliche Unternehmen ist für die Stromerzeugung in Bhutan verantwortlich.

Für das kleine Bhutan ist diese Form nachhaltiger Energiegewinnung der wichtigste Wirtschaftszweig. Trotz des riesigen Anteils von Wäldern spielt die Holzwirtschaft keine Rolle. Wasserkraft bildet das ökonomische Rückgrat Bhutans.

Fluss in einer gebirgigen, grünen andschaft
Legende: Bhutan verfügt über grosse Waldflächen. Ökonomisch wichtiger sind aber die Gewässer, die zur Stromerzeugung genutzt werden. Michael Marek und Anja Steinbuch

Industrie gibt es kaum. Energiegewinnung, Tourismus und ein wenig Export von Agrarprodukten wie Äpfeln sind die einzigen Devisenquellen des Landes. 85 bis 90 Prozent aller Dinge des täglichen Lebens müssen importiert werden – vornehmlich aus Indien.

Ökologisches Vorbild

Laut dem «Climate Action Tracker» ist Bhutan ökologisches Vorbildland. Das Königreich ist eines von nur sechs Ländern weltweit, die das UNO-Klimaziel erreichen werden: weniger als zwei Grad Celsius Erwärmung bis zum Jahr 2100.

Ausserdem ist Bhutan nicht nur CO²-neutral, sondern sogar CO²-negativ. «Unser Wald schluckt dreimal so viel Kohlendioxid wie das Land ausstösst», so Rinzin. Mit anderen Worten: Weniger schuld am Klimawandel als Bhutan kann ein Land kaum sein.

Bhutanern fehlt es an Medienkompetenz

1999 war es ein Paukenschlag, als die erste Fernsehsendung über einen Bildschirm in Bhutan flimmerte. Erst 13 Jahre später folgte der zweite TV-Kanal. Fernsehen, Smartphone, Internet und soziale Netzwerke – das digitale Zeitalter hat mittlerweile nicht nur in der Hauptstadt Thimphu Einzug gehalten, sondern selbst in den entferntesten Tälern.

In der Rangliste der Pressefreiheit 2020 belegt Bhutan Platz 67 von 180 Staaten. Danach gehören Bhutans Medien innerhalb Asiens zu den besten, so «Reporter ohne Grenzen» in ihrem Jahresbericht.

Gleichzeit ist die redaktionelle Unabhängigkeit des staatlichen Bhutan Broadcasting Service nicht gesetzlich garantiert. Deshalb gelte es, Zuschauer und Internetnutzer beim Umgang mit Nachrichten zu sensibilisieren, sagt Namgay Zam.

Eine Frau sitzt lächelnd auf einem Sofa
Legende: Die Journalistin Namgay Zam weiss, dass ihre Landsleute im Umgang mit Medien wenig erfahren sind. Michael Marek und Anja Steinbuch

In Bhutan ist sie ein Star. Die 35-jährige Journalistin moderierte bis vor Kurzem täglich im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm die Abendnachrichten.

Als Anchorwoman verkörperte und verkündete sie die Öffnung des Landes für westliche Ideen. Heute ist sie die Vorsitzende des Journalistenverbandes.

Internet gibt es erst seit wenigen Monaten

«Die ganze Welt schlägt sich mit Fake News herum – auch wir in Bhutan. Ich war neulich im Norden des Thimphu-Distrikts. Dort führen wir ein Projekt der UNO durch: Medienkompetenz für ländliche Gemeinschaften.» Die Menschen dort haben erst seit 2016 einen Stromanschluss, und Internet gibt es sogar erst seit wenigen Monaten.

Während Zam und ihre Kollegen mediale Entwicklungshilfe im Zeitraffer leisten, öffnet die Digitalisierung gleichzeitig das Land für Fake News und Gewaltverherrlichung.

Eine weitere Gefahr sieht Namgay Zam im sogenannten Sensationsjournalismus. Denn die meisten Einwohner können Schlagzeilen und Bilder nicht richtig einschätzen. Unerfahrene Reporter können hier grossen Schaden anrichten.

Debatten in einer jungen Demokratie

Namgay Zam nimmt kein Blatt vor den Mund: Ihre Artikel, die sie in Zeitungen oder im Netz veröffentlicht, zeigen Wirkung. So hat sie den Erfahrungsbericht einer jungen Frau veröffentlicht, deren Familie wegen Zahlungsausständen von einem einflussreichen Geschäftsmann bedrängt wurde.

In der Folge begann eine der ersten Debatten über den Zustand der jungen Demokratie – erst 2008 führte der König erstmals eine Verfassung ein.

Auf einem Markt werden grüne Chilischoten gewogen.
Legende: Nur wenige Güter werden in Bhutan selbst produziert. Das meiste von dem, was zum Leben gebraucht wird, stammt aus Indien. Michael Marek und Anja Steinbuch

Kontroversen um den Zustand der konstitutionellen Monarchie, um Korruption und die Gleichheit der Bürger vor Gericht verlagerten sich ins Internet, sagt Zam. Es seien besonders frustrierte Jugendliche, die mit den streng kodifizierten und hierarchisch geregelten Umgangsformen der buddhistischen Gesellschaft brechen.

Selbstzensur unter Journalisten ist in Bhutan weitverbreitet, auch und gerade wenn es um politische und religiöse Themen geht. So sind geistliche Würdenträger praktisch unantastbar. Berichte über Misshandlungen hinter Klostermauern dringen kaum an die Öffentlichkeit.

Männer in buddhistischer Kleidung mit Trommeln
Legende: Buddhismus ist in Bhutan Staatsreligion, etwa 72 Prozent der Bevölkerung gehören ihm an. Michael Marek und Anja Steinbuch

Was tun Unglückliche im Land des Glücks?

Seit der Einführung von Fernsehen und Internet ist die Suizidrate laut Weltgesundheitsorganisation sprunghaft gestiegen. «Hier laufe doch alles prima, heisst es. Wie kann man da unglücklich sein?», fragt die Journalistin.

«Und was, wenn du keine perfekte Familie hast, keine perfekte Ausbildung und nicht die besten Lehrer? Unglücklich darfst du ja nicht sein.» Was also tun?

Man lenke sich ab und suche Trost in Alkohol oder anderen Drogen. Zams Antwort auf die Frage, warum sich vor allem junge Bhutaner das Leben nehmen: «Es gibt bei uns einen Zwang, glücklich zu sein!»

Corona in Bhutan: Abschottung und Fake News

Wegen der Corona-Pandemie lässt die Regierung derzeit keine Ausländer mehr ins Land einreisen. Es gibt eine Kontaktsperre, die Infektionskurve konnte nach den offiziellen Zahlen bislang flach gehalten werden.

In der aktuellen journalistischen Berichterstattung beunruhigt Namgay Zam vor allem eines: «Wir erhalten viele religiös motivierte Fake News. Es werden irgendwelche Nahrungsmittel, Gebete und religiöse Praktiken gegen das Virus empfohlen.» Eine kritische Mediendebatte über das Handeln der Regierung gibt es bislang nicht.

EIn Polizist rgelt in einem reich verzierten Häuschen, das mitten auf einer Kreuzung steht, den Verkehr.
Legende: Strassenverkehr in der Hauptstadt Thimphu. Michael Marek und Anja Steinbuch

Dass mit Namgay Zam eine Frau mit Auslandserfahrung kritische Fragen stellt, ist kein Zufall. Eine Zivilgesellschaft wie im Westen gibt es in Bhutan kaum. Öffentlicher Protest wird als Form der Gewalt betrachtet.

«Der König hat uns 2008 die Demokratie geschenkt», so Namgay Zam. «Mit Leben erfüllen müssen wir sie selber.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 10.6.2020, 09:03 Uhr.;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Timotheus Widmer  (Timotheus Widmer)
    Ich war vor sieben Jahren eine Woche auf einer geführten Tour durch Bhutan, eine solche Reise vergisst man nicht mehr - atemberaubende Landschaften, gewaltige Schluchten, Berge und Täler und viel Platz. Allerdings erlebte ich die Menschen ähnlich wie oben beschrieben: rätselhaft, man sieht kaum in sie hinein. Auch unser Tourführer hatte zwei Gesichter, er trat stets traditionell gewandet auf, war aber ein gewiefter Geschäftsmann. Eine solche Reise macht man wohl nur einmal im Leben.
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Auch die Schweiz wäre CO2 negativ wenn sie nichts produzieren würde als Wasserkraft und Wälder...
    Was soll eine solche Rechnung zu Bhutan? Wenn dafür alles Lebensnotwendige eingeführ werden muss, muss halt der CO2 Ausstoss vom dortigen Produktionsstandort und Transport auch Bhutan zugerechnet werden.
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  • Kommentar von Oli Muggli  (Oli g)
    In Bhutan ist nichts schön ausser die Landschaft und meist freundliche Einwohner....
    Ähnlich wie Tibet, wo China bessere Verhältnisse schafft, auch wenn dies nur zu gerne gaaanz anders dargestellt wird! Informieren sollte Pflicht sein!
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