Parlamentswahl in Frankreich Was ist dran an der «Macronmanie»?

Frankreich ist im Fieber. Im ganzen Land wird über Politik geredet und gestritten. Emmanuel Macron erscheint als strahlender Hoffnungsträger – mit ungewisser Zukunft. Ein Stimmungsbild aus Frankreich vor der nächsten Wahl.

Der strahlende Hoffnungsträger Frankreichs: Präsident Emmanuel Macron Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Krempelt die Bewegung «En Marche» das Land um? Macron versucht's mit seiner hoffnungsvollen und positiven Art. Keystone

  • Diesen und kommenden Sonntag wählen die Franzosen ein neues Parlament. Nachdem Macron das Parteiensystem bereits aufgemischt hat, wird es spannend.
  • Bis vor kurzem war die EU der Sündenbock für alle Missstände in Frankreich. Macron hat die Stimmung um 180 Grad ins Pro-Europäische gedreht.
  • Macron steht für Offenheit, Vertrauen und Integration – das macht seine Bewegung stark.

In Frankreich gehen aufregende Veränderungen vor sich. Was genau geschieht, ist umstritten. Der Strassburger Journalist Christophe Panzer erklärt: «Die Sozialistische Partei, immerhin Regierungspartei bis grad eben, ist tot.» Ihr laufe das Personal massenweise davon. «Die Republikaner, die Rechte – alle Parteien zerfallen. In Frankreich geht eine Revolution vor sich», sagt Panzer.

Die Pariser Soziologin Isabelle Veyrat-Masson mag nicht von Revolution sprechen, da die Institutionen und die Klassenschichtung des Landes ja nicht angetastet würden. Macrons Bewegung «En Marche» sieht sie als Zentrumsbewegung, die das Parteiensystem gründlich aufmischt. Das aber habe es in Frankreichs Geschichte schon öfter gegeben.

Zukunftsorge: Beruf, Job oder Arbeitslosigkeit?

Und ihr Kollege Jürgen Ritte, der an der Universität Sorbonne Nouvelle unterrichtet, beobachtet: Parteien seien in Frankreich ohnehin Wahlvereine, die sich in heftigen Kämpfen immer wieder neu formieren oder auflösen. Das sehe man schon daran, wie oft sie ihre Namen ändern. Alte, mit sich identische Parteien wie in Deutschland die 150-jährige SPD oder die 70-jährige CDU gebe es in Frankreich nicht.

Die Studentinnen, die im Hof des «Institut Pratique du Journalisme» ihre Mittagspause geniessen, rümpfen eher die Nasen. Macron? Mal sehen. Keine Spur von Begeisterung. Sie haben eine andere Sorge: ihre berufliche Zukunft. Beruf, Job oder Arbeitslosigkeit?

Uberisierung oder Flexi-Sicherheit?

Zurück zur Macron-Begeisterung des Strassburger Intellektuellen Christophe Panzer. Sie begann in der Zeit, als er versuchte, sich mit einem Übersetzungsbüro selbständig zu machen. Seine Erfahrungen mit der französischen Bürokratie waren niederschmetternd.

Da merkte er, dass der damalige Wirtschaftsminister Macron mit Gesetzen den kleinen und kleinsten Unternehmen helfen wollte.

Als Präsident hat Macron schnell entschieden, die selbständigen Unternehmer in die Arbeitslosenversicherung einzubeziehen. Und mit den «Cars Macron», den «Macron-Bussen», könne man für 50 Euro von Strassburg nach Amsterdam fahren, wenn man 14 Stunden Zeit hat und die teuren Schnellzüge vermeiden will, erklärt Panzer.

Angst vor der «Uberisierung»

Macron nährt die Hoffnung nach «flexi-sécurité»: Statt Lohnabhängigkeit Selbständigkeit – aber staatlich unterstützt, mit mehr Unabhängigkeit und Souveränität als im Angestelltenverhältnis.

Die andere Seite der Medaille ist die Angst vor der «Uberisierung» der Gesellschaft. Statt Lohnarbeit Selbständigkeit, wie beim Taxiunternehmen Uber, aber eine ärmliche, schlecht bezahlte und unsichere Selbständigkeit.

Baustelle Europa

Bis vor kurzem war Europa der Sündenbock für alle Missstände in Frankreich und die positive Erwähnung der EU das sicherste Mittel, jede Wahl zu verlieren. Macron hat die Stimmung um 180 Grad ins Pro-Europäische gedreht.

Wie er das geschafft hat? «Indem er sein Bekenntnis zu Europa verbunden hat mit der Auffassung, dass Europa nicht fertig ist, sondern eine riesige Baustelle, auf der fast alles verbessert werden muss», sagt der Literaturwissenschaftler Ritte. Darin stimmen ihm sogar die naserümpfenden Studentinnen der Journalistenschule zu. Es scheint eine bisher schweigende proeuropäische Mehrheit in Frankreich zu geben.

Keine Bedenken, pures Vertrauen

Im Kampagnenbüro von Macrons Bewegung «En Marche» im 13. Bezirk von Paris kann jede und jeder mitmachen, der vorbeikommt. Da will eine Frau eine Veranstaltung über nachhaltige Entwicklung machen. Kann sie, darf sie, soll sie. Das Kampagnenteam verschafft ihr die Möglichkeit dazu. Der Kampagnenleiter hat keine Bedenken, dass sie Unsinn erzählen könnte.

Die Tatsache, dass sie ins Büro der Bewegung kommt, genügt als Grundkonsens. «Offenheit», «Vertrauen» und «Integration» sind wichtige Werte der Bewegung, erklärt er. Macron verkörpert in Wort und Stil einen optimistischen Elan.

Macron bewegt – und traut zu

Man könnte sagen: das ist Oberfläche, was sind schon Worte und Stil. Auf die Taten kommt es an. Aber die Soziologin Veyrat-Masson widerspricht: Nein, das Gefühl, dass alles möglich ist, macht Bewegungen und Individuen stark. Sich von den Problemen nicht einschüchtern zu lassen, sei ein eigenständiges politisches Projekt.

Wie weit das trägt, werden wir sehen. Ein erster Test sind schon die bevorstehenden Parlamentswahlen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 9.6.17, 09:00 Uhr

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