Wenn Eltern die eigenen Kinder entführen

Es kommt vor, dass ein Vater die eigenen Kinder entführt – manchmal auch ins Ausland. Sie von Afrika oder Asien zurückzuholen, ist schwierig. Denn die Kinder verschwinden oft bei Verwandten, und die Gerichte geben dem Vater Recht. Zwei traurige Beispiele.

Das Auge eines Kindes. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine Seltenheit: Entführt – und das von einem eigenen Elternteil. ginger. / photocase.de

  • Pro Jahr behandelt das Bundesamt für Justiz rund 80 Entführungen von Kindern, die vom Ausland in die Schweiz – oder von der Schweiz ins Ausland gemacht werden.
  • Oft entführen Elternteile die Kinder, um sie der europäischen Rechtsordnung zu entziehen.
  • Kinder mit rechtlichen Mitteln aus Ländern herauszubekommen, die dem Haager Übereinkommen nicht angehören, ist extrem schwierig.

Entführt nach Nigeria

Sie ist verzweifelt, während des Gesprächs kommen ihr immer wieder die Tränen. Johanna R. (Name geändert) arbeitet in verantwortungsvoller Position in einem Schweizer Industrieunternehmen. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, seit sich diese Geschichte zugetragen hat, die sie bis heute nicht versteht. Dass ihr Mann, von dem sie sich getrennt hat, ihre beiden Buben, damals dreieinhalb und fünf Jahre alt, entführt hat. Zurück in sein Heimatland Nigeria.

Versteckt im weitverzweigten Netz der Familie

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Sendehinweis

Zwei aktuelle Sendungen beschäftigen sich mit dem Thema Kindsentführung:

Auch sie stammt aus Nigeria. Johanna R. ist in einer traditionellen Familie aufgewachsen – und hat mit ihrem Mann eine Ehe nach traditionellem Ritus geschlossen. Traditionell war auch die Ehe, die Johanna R. mit ihrem Mann geführt hat – nicht im guten Sinne: Sie wurde geschlagen, gedemütigt, entwürdigt.

Und doch: Johanna R. ist in der Schweiz geblieben. Weil sie für ihre Kinder hier in der Schweiz eine Zukunft sah, weil sie zusehen konnte, wie ihr ältester Sohn im Kindergarten aufblühte, lernbegierig war. Die Schweiz mit ihren Werten, sagt Johanna R. unumwunden, habe ihr Sicherheit gegeben und eine Perspektive.

Ihr Mann sah das anders. Er raubte ihr die Kinder, brachte sie zurück nach Nigeria, versteckte sie dort im weitverzweigten Netz der Familie. Seiner Exfrau beschied er, die Kinder würden sie vergessen, eines Tages.

80 Fälle pro Jahr

Der Familienrechtsexperte, Anwalt und Dozent für Familienrecht Jonas Schweighauser sagt, Entführungen eigener Kinder seien gar nicht so selten. Oft entführe ein Elternteil die Kinder, um sie der europäischen Rechtsordnung zu entziehen. In afrikanischen Ländern sei es – gerade für den Vater – ein Leichtes, das alleinige Sorgerecht zugesprochen zu bekommen.

Pro Jahr behandelt das Bundesamt für Justiz rund 80 Entführungen von Kindern, die vom Ausland in die Schweiz oder von der Schweiz ins Ausland gemacht werden. Doch das sind offizielle Verfahren, die meistens über das Haager Übereinkommen zum Schutz von Kindern und Erwachsenen abgewickelt werden: geordnete Verfahren, mit denen verhindert werden soll, dass Kinder von einem Elternteil verschleppt, versteckt und möglicherweise mit einem neuen, geänderten Sorgerecht dem anderen Elternteil vorenthalten werden.

Hohe Dunkelziffer

Daneben gibt es jene Fälle, die keinen Rechtsschutz in diesem Sinne beanspruchen können. Sie werden kaum erfasst. Die Dunkelziffer ist hoch, viele Kinder verschwinden. Das vor allem dann, wenn der Vater (oder die Mutter) die Kinder in ein Land verschleppt, das dem Haager Übereinkommen nicht beigetreten ist. Das sind zum grossen Teil afrikanische Länder, aber auch viele Länder Asiens. Die Kinder dort mit rechtlichen Mitteln wieder herauszubekommen, sei ausgesprochen schwierig, sagt Familienrechtler Jonas Schweighauser.

Den Sohn versteckt

Das hat auch Fatima A. zu spüren bekommen. Trotz Einsatz des Internationalen Sozialdienstes, trotz enormem persönlichen Engagement, trotz vieler Freiwilliger, die ihr geholfen haben: Es gelang ihr nicht, ihren Sohn aus Côte d'Ivoire zurückzubekommen, dem Heimatland ihres früheren Mannes. Der hatte ihr den kleinen Omar geschickt entzogen, hatte sie mit miesen Tricks hinters Licht geführt, um am Ende per Gericht das alleinige Sorgerecht zugesprochen zu erhalten.

Auch Fatima A. hat während des Interviews viel geweint. Aber sie hat auch gesagt, dass sie in der Schweiz bleiben wolle, dass sie von hier aus dafür kämpfen möchte, ihren Sohn zurückzubekommen. Weil sie nicht mehr zurück möchte unter die Fuchtel ihres autoritären Mannes, weil sie darauf vertraue, dass dieses Land Schweiz ihre Rechte verteidigen werde.

Ihre Rechte als Frau, und ihre Rechte als Mutter.

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