Wir werden immer älter – aber wozu?

Die Menschen leben immer länger, doch die Freude darüber bleibt gering. Düster nehmen sich demographische Szenarien aus: immer mehr alte Menschen und immer weniger Kinder. Damit tut sich eine Gesellschaft schwer, die vor allem der Kraft und der Tüchtigkeit huldigt.

Eine vom Alter gezeichnete Hand hält einen Gehstock. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gesundheit ins hohe Alter ist der Anspruch von heute. Aber was, wenn nicht? Keystone

Das Alter mit seinen Mangelerscheinungen scheint vor allem Kosten zu verursachen. Altern ist Schwäche, Wüste und Notstandsgebiet. Im Alter kumulieren sich in einem fort die Widrigkeiten. Die Mängelliste des Alters: Rentenkollaps, Pflegenotstand, Rationierung von Hüftgelenken, Harnstottern, Vergesslichkeit, Alzheimer, Krieg der Generationen usw.

So beschreibt es der emeritierte Soziologieprofessor Peter Gross in seinem Buch «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?».

Die Sinnfrage

Portrait Autor Peter Gross Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Peter Gross beschreibt das Alter als die lange Suche nach dem Sinn im Diesseits. Privat

In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Lebenserwartung des Europäers mehr als verdoppelt. In den letzten 150 Jahren sogar verdreifacht. Doch es gibt nur wenige Stimmen die hierin eine Erfolgsgeschichte sehen.

So fragt Peter Gross: «Hat Altwerden und Altsein überhaupt einen Sinn?» Und er bejaht diese Frage vehement, auch wenn zur Zeit eine grosse Sinnfinsternis über dem dritten Lebensabschnitt zu liegen scheint.

Der Soziologe gibt zu bedenken: Das Alter ist die Zeit der langen Erinnerung, der Versöhnung und der Bilanz. Es ist die Zeit für Freundschaften, die noch möglich sind. Und es ist die Zeit, den Kindern und den nachfolgenden Generation als Ruhepol zu dienen.

Die Hochbetagten

Michel Montaigne soll einmal gesagt haben, so der Autor in seinem Buch über das Alter, dass der Tod dann am selbstverständlichsten ist, wenn man vorher schon möglichst tot ist. Tatsächlich nimmt die Todesbereitschaft im hohen Alter mit den wachsenden Beschwerden zu. Auch wenn die Freunde wegsterben, fällt der Abschied von der Welt leichter. Auch das, schreibt Peter Gross, hat einen Sinn.

Das kurze Leben in der Vormoderne

Einst wurden die Menschen jäh und unvorbereitet aus dem Leben gerissen. Sie hatten keine Chance, es «fertig» zu leben. Das Leben blieb Fragment. Dafür gab es das Versprechen auf ewiges Glück in einer anderen Welt.

Heute sucht das lange Leben nach Sinn im Diesseits. Es ist ein ganzes Leben geworden und eine lange Erzählung. Eine grosse Chance, findet Peter Gross. Und deshalb könnten wir die Zunahme an Jahren in unseren Breitengraden gar nicht genug würdigen.

Ein zivilisatorischer Fortschritt, der in Tat und Wahrheit wenig Wertschätzung findet. Zu sehr seien wir auf Wachstum fixiert, das kein Nachlassen der Kräfte akzeptiert, konstatiert der Soziologe.

Die grosse Beruhigung

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Buchhinweis

Gross, Peter: «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» Herder Verlag, 2013.

Alte Menschen könnten die aufgeregte und überhitzte Gesellschaft beruhigen. Alter bringt Entschleunigung und Mässigung. Diese lassen sich dem grassierenden Aktionismus entgegensetzen. Der epochale Sinn der Alterung liegt, so formuliert es der Autor, in der Beruhigung der andauernd rast- und rücksichtslosen Mobilmachung der Welt.

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