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Bernd Ladwig: Gerechtigkeit für Tiere
Aus Sternstunde Philosophie vom 30.08.2020.
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Würdevoller Fleischkonsum Köchin Marlene Halter: «Arbeiten mit Fleisch ist ein Handwerk»

In seinem Buch «Politische Philosophie der Tierrechte» kritisiert der Philosoph Bernd Ladwig, dass die Verletzung von Tierrechten scheinbar zu den gesellschaftlichen Grundordnungen gehört.

Kann es Fleischkonsum geben, der die Würde eines Tieres nicht missachtet? Ja, sagt die Köchin Marlene Halter, die in ihrem Restaurant die Tiere vom Ohr bis zum Schwanz verwertet.

Marlene Halter

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Köchin

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Marlene Halter studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und machte eine Kochlehre im Restaurant «Alpenrose» in Zürich. Später kochte sie im Restaurant Italia, in der Wirtschaft Ziegelhütte und im Restaurant Rosso. Ein wenig Metzgerhandwerk brachte sie sich selbst bei.

Seit 2015 verarbeitet und kocht sie im Restaurant «Metzg» sämtliche Stücke eines Tiers. Von Gault-Millau erhielt sie für ihr Konzept mit integrierter Metzgerei den Titel «POP des Jahres 2020».

SRF: Was bedeutet Ihnen Fleisch?

Marlene Halter: Fleisch ist für mich ein sehr wertvolles, besonderes Lebensmittel. Ich arbeite sehr gerne damit, finde es faszinierend und vielseitig.

Ein Rind ist beispielsweise sehr komplex gebaut. Es hat so viele verschiedenartige Muskeln, deren Beschaffenheit bezüglich Textur, Farbe, Geruch, Geschmack oder des Kochverhaltens sehr unterschiedlich ist. Arbeiten mit Fleisch ist für mich ein Handwerk, wie das eines Schreiners, der mit Holz arbeitet.

Ich stelle mir vor, dass es nichts Schöneres gibt, als ein Tier aufzuziehen, eigenhändig zu schlachten und zu verarbeiten.

Gibt es auch Teile, die eher unappetitlich aussehen oder unangenehm riechen?

Sofern das Fleisch nicht verdorben ist: Nein.

Denken Sie manchmal an das Tier vor Ihnen, das sterben musste, und stellen Sie es sich vor?

Ja, oft.

Bekommen Sie dann nie Skrupel?

Nein. Ich finde es eher abstrus, im Restaurant danach zu fragen, den Fisch bereits filetiert serviert zu bekommen, weil man dem Tier nicht in die Augen schauen möchte oder es gar nicht als solches erkennen will.

Ich stelle mir im Gegenteil vor, dass es nichts Schöneres gibt, als ein Tier selber aufzuziehen, eigenhändig zu schlachten und vollständig zu verarbeiten.

Wie ist das möglich?

Ich beginne nächstes Jahr eine Lehre als Landwirtin. Ich möchte den ganzen Kreislauf begleiten können, damit ein Tier seine Würde behalten kann. Natürlich gibt es den Moment des Tötens. Aber es gibt Tötungsarten, bei denen ein Tier wohl kaum etwas mitbekommt, zum Beispiel der Bolzenschuss auf dem eigenen Hof.

Was spricht dafür, Fleisch zu essen?

Wenn die Art und Weise, wie die Tiere gelebt haben, stimmt, ist es ein Genuss. Ich finde es natürlich, Fleisch zu essen. Wenn wir wie früher wieder in der Wildnis leben müssten, würde ich jedenfalls sofort jagen und töten (lacht).

Ich selbst habe kein Problem, ein Tier zu töten und nehme mir das heraus.

Der Philosoph Bernd Ladwig sagt, dass Tiere ein Recht darauf haben, anständig behandelt zu werden. Dazu gehört, dass wir sie nicht töten, nur weil wir ihr Fleisch essen wollen. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Paradox, das ich nicht auflösen kann. Wenn man einen Boden zubetoniert, sterben auch Würmer. Allein durch unser Leben werden andere in Mitleidenschaft gezogen.

Ich begrüsse es, wenn sich Menschen vegan ernähren. Ich selbst habe kein Problem damit, ein Tier zu töten und nehme mir das heraus. Und ein Tier in der Wildnis, zum Beispiel ein Tiger in der Savanne, würde mich auch essen.

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Sollten wir weniger Fleisch essen?
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Haben Sie schon einmal ein Tier getötet, das grösser war als eine Mücke oder ein Käfer?

Ja, ich habe einmal einen Hirsch geschossen. Das war eine beeindruckende Erfahrung. Mir wurde die Verantwortung bewusst, das Leben eines empfindsamen Tiers beendet zu haben. Es fühlte sich für mich aber weder erschreckend noch erhebend an, sondern seltsamerweise eher natürlich.

Der Philosoph Bernd Ladwig sagt auch, dass wir uns für das Unrecht an Tieren einmal schämen werden. Können Sie das verstehen?

Ja. Und ich hoffe, wir schämen uns eines Tages dafür. Aber ich bezweifle, dass das je so sein wird. Ich denke, nur ein kleiner Teil der Gesellschaft befasst sich mit diesen Fragen. Weltweit gesehen bin ich pessimistisch, dass wir solche Fortschritte machen werden.

Können Sie sich erklären, wie es kommt, dass wir die einen Tiere töten und essen und andere als Haustiere verwöhnen und nur das Beste für sie wollen?

Beides ist egoistisch. Ich sehe da keinen grossen Unterschied. Wir halten ein Haustier ja für uns selbst, damit wir es streicheln können und es für uns da ist. Fleischproduktion und die Haltung einer Hauskatze sind beides Eigennutz.

Sollten wir alle Tiere gleich behandeln?

Nicht unbedingt. Es gibt ja Tiere mit unterschiedlicher Empfindungsfähigkeit. Wenn ein Tierversuch bei einem sogenannt primitiven Tier uns wirklich weiterbringt, dürfen wir das vielleicht. Wobei ich das eine sehr schwierige Frage finde. Ich muss wohl das Buch von Bernd Ladwig lesen (lacht).

Das Gespräch führte Sandra Roth.

SRF1, Sternstunde Philosophie, 29.08.2020, 11:00 Uhr.

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