Der Soziologe und frühere SP-Nationalrat Jean Ziegler ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Als Präsident der Parlamentariergruppe «Schweiz – Dritte Welt» führte Ziegler einen langen Kampf gegen Banken und Wirtschaftsvertreter in der Schweiz und im Ausland. Er war von 2000 bis 2008 auch Sonderbeauftragter des UNO-Menschenrechtsrats – für das Recht auf Nahrung. Zudem hat er zahlreiche Bücher geschrieben.
Der Genfer Filmemacher Nicolas Wadimoff hat 2017 einen Film über ihn gemacht: «Jean Ziegler – der Optimismus des Willens».
Soziologieprofessor, 27 Jahre SP-Nationalrat, Aktivist: Alle drei Rollen seien für Jean Ziegler gleichermassen wichtig gewesen in seinem politischen Kampf, sagt Nicolas Wadimoff im Gespräch mit SRF. «Ich denke, dass in Jean Zieglers Leben immer sein politischer Kampf im Vordergrund stand, ganz gleich, welche Formen dieser annehmen konnte.»
Gegen die Ungerechtigkeit
Ziegler habe von der «subversiven Integration der Ideen» gesprochen, das heisst, er brachte seine Ideen je nach seiner Funktion unterschiedlich ein.
«Das Wichtigste waren für ihn die Ideen und die Art, sie zu vermitteln», so Wadimoff. Im Vordergrund hat dabei immer eines gestanden: der Kampf gegen Ungerechtigkeit. «Er konnte Ungerechtigkeit schlicht nicht ertragen», meint Nicolas Wadimoff.
Ziegler habe sein ganzes Leben lang mit seiner bürgerlichen Herkunft gerungen. Er habe sich schuldig gefühlt, dass er «auf der guten Seite geboren» war.
Öffentlich pointiert, privat warmherzig
Vermutlich rührt auch daher die Vehemenz, mit der Jean Ziegler politisch auftrat – als harter Kritiker des Kapitalismus. Nicolas Wadimoff hat den öffentlich streitlustigen, pointierten Ziegler aber auch von einer anderen Seite kennengelernt im Lauf der Dreharbeiten zu seinem Film.
Privat, im kleinen Kreis, sei der politische Kämpfer sanft, empathisch und warmherzig gewesen. Dass sich Ziegler oft etwas gar einfach und ohne Nuancen antikapitalistisch geäussert habe, habe die Wirkung seiner Aussagen bestimmt geschmälert, räumt Nicolas Wadimoff ein. Auch seine Affinitäten zu den Diktatoren Gaddafi und Mugabe und zu Fidel Castro seien zweifelhaft gewesen. «Mit dem Tod von Jean Ziegler verliert die Welt dennoch eine wichtige Stimme», sagt Wadimoff.
In einer Welt wachsender Ungerechtigkeit, des Wahnsinns und des raubtierartigen Verhaltens würde uns eine Stimme wie die von Jean Ziegler sehr guttun: «Eine Stimme, die mutig ihre Empörung und ihre Auflehnung herausschreit.»