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Der Archivar Die ganze Schweiz strahlt, denn sie hat Strom aus Atom

Energiepolitik scheidet die Geister. In den 1970er-Jahren entsteht die Anti-Atomkraft-Bewegung. Bei der «Schlacht um Gösgen» kommt es zur Eskalation. Heute geht es um die 2000-Watt-Gesellschaft. Um mehr als nur um Energie, es geht um gesellschaftliche Werte.

1960er-Jahre. Wirtschaftswunder. Alles läuft rund. Aber: Die Stromversorgung bereite Sorgen. Eine Versorgungslücke zeichne sich ab – darf man lesen. Mitten im wirtschaftlichen Höhenflug! Atom oder Öl, das sei hier die Frage.

Alles, was zu dieser Zeit mit Atom zu tun hat, erscheint in Weiss: weisse Modelle, weisse Meiler, weisse Schutzanzüge. Schalttafeln, die so ungefährlich scheinen wie Baupläne von Modelleisenbahnen. Schöne atom-getriebene Welt. Sauber, sicher wie die Schweiz. Eine kluge Werte-PR steht am Anfang. Die Schweiz entscheidet sich fürs Atom. 1969 geht «Beznau 1» als erstes Atomkraftwerk ans Netz, «Beznau 2» folgt.

Die Stimmung ist gut. Noch.

1973. Die erste Ölkrise. Die Schweizer Befürworter der Kernenergie jubeln, haben sie doch visionär früh aufs Atom gesetzt. Ein grosses AKW soll her: in Gösgen. Der Kanton Basel stimmt über eine Beteiligung am Kraftwerk in Gösgen ab.

Turbulente Diskussionen, Kernkraft wird zum Topthema. Die Betreiberfirmen prognostizieren einen steigenden Strombedarf von satten 5 Prozent. Das ist eine Menge. Das Stimmvolk wird misstrauisch und schmettert die Beteiligung an der Urne ab. Gösgen wird weiterhin geplant.

1976. Die erste Atommülldeponie in Glaubenbielen wird geplant. Einheimische wehren sich gegen den neuen Nachbarn «Familie Brennstab». «Atommüll unter Alpweiden» heisst ein Beitrag des Schweizer Fernsehens. Ein Endlager (allein schon das Wort!) für Brennstäbe passt schlecht ins naturnahe Bild einer paradiesischen Schweiz. Ein Kampf der Bilder und Werte entbrennt.

Die «Schlacht um Gösgen»

1977. Pfingstmarsch gegen AKW. Es kommen 12'000. Der Grund ihrer Wut: Natürlich kann gegen das Bauvorhaben Einspruch eingelegt werden. Aber man hat bereits mit dem Bau begonnen. Dafür findet der Autor Otto F. Walter deutliche Worte: «Heute und hier demonstriert die Bevölkerung. Sie demonstriert gegen diese Politik der faites accompli. Sie entzieht diesem bürgerlichen Parlament das Vertrauen.»

25. Juni: 2500 Demonstranten in Gösgen.

Eine Woche später: 6000. Ziel: Blockade der Zufahrt zum AKW. Zusammenstösse zwischen AKW-Gegnern und der Polizei. Tränengas – Gummischrot. Panik. Menschen flüchten über das Bahngleis. Zwei Minuten später fährt ein Schnellzug durch. Zur Katastrophe kommt es um Haaresbreite nicht. Besorgte Bürger fühlen sich gejagt von der eigenen Polizei. Die beschütze die Atomlobby und nicht die Bürger. Wertediskussion: Wer ist der Staat? Bürger oder Lobby?

Am Vorabend zum 1. August: Bundesrat Furgler nimmt Stellung in seiner gewohnten Rhetorik. Er grenzt die Demonstranten kurzerhand aus der eidgenössischen Gemeinschaft aus. Geschickter Schachzug. Besänftigt hat er damit nicht.

Und heute?

Anti_AKW-Ballon vor Gösgen
Legende: Im Zeitalter erneuerbarer Energien gerät die Kernkraft zunehmend unter Druck. Keystone

Heute sind wir in der 2000-Watt-Gesellschaft angekommen. Sparsamkeit ist der Wert mit Zukunft: Von der Feuerwehr in Wallisellen bis hin zu Privathaushalten weiss man: Umdenken geht. Verantwortlicher Umgang mit natürlichen Ressourcen wird zum Wert, der sich durchsetzt. Solarzellen boomen.

Hersteller von Elektrogeräten unterbieten sich mit niedrigem Stromverbrauch. Weniger ist mehr. Ökologisches Bewusstsein ist in Mode. Wehe dem, der sich nicht dran hält. Eine Szene, die die energiesparende Stimmung beschreibt, spielte sich vor ein paar Wochen auf einem Elternabend in Zürich ab: «Fahren Sie den alten Ford Mustang vor der Tür?» Der Angesprochene bejaht. Er verbringt den Rest des Abends allein.

Die Preise fallen. Immer weniger wird verbraucht, immer mehr liefern erneuerbare Energiequellen. Erneuerbar ist das Gebot der Zukunft, Schluss mit Raubbau ist die Devise. Windkraftwerke verschönern oder verunstalten flaches Land. Wie man's nimmt. Aber sie liefern.

Jugendliche an Demonstration
Legende: «Erneuerbar» ist die Devise mit Zukunft. Keystone

Anfangszwanziger wissen, was ein «ökologischer Fussabdruck» ist. Unter Snowboardern gibt es eine Ökobewegung. Ein Dokumentarfilm darüber füllt Kinosäle. Mit wert-vollen Ressourcen gehen zumindest Teile dieser sonst so gescholtenen Generation verantwortungsvoll um. Denn es ist ihr Planet und manche ahnen: Es könnte ihr letzter sein.

Archivperlen

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Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Lukas Tonetto  (LTonetto)
    "Heute sind wir in der 2000-Watt-Gesellschaft angekommen." Ist das der Journalismus, den man sich in der "Fake-News-World" wünscht? Wer ist wo genau angekommen? Ihr in Eurem ideologischen Gärtchendenken. Unerhört, solches just auf dieser Plattform zu lesen. 2000-W-Gesellschaft, was ist sie anderes, als post-protestantische Selbstgeisselung angesicht der Sehnsucht nach einer besseren Welt?
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  • Kommentar von Jan aus Österreich , 200137 Shanghai, China
    Ja zur 2000-Watt-Gesellschaft in der Schweiz. Denn diejenige Industrie, die viel Strom verbraucht, wandert aus der Schweiz definitiv aus. (Als Beispiel die Papier-, Stahl- und Aluminium-Industrie.) Wir herstellen jetzt alles in China und ihr zahlt euch dumm und dämlich. Übrigens hat nun China keine Strafzölle mehr zu befürchten für die Importe in die Schweiz. Für mich gut. Für euch?
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  • Kommentar von Walter Starnberger , Therwil
    Netter Artikel, schön zu lesen. Betrifft aber höchstens 5 Prozent der Bevölkerung, wenn überhaupt. Und auch von denen hat noch kaum einer den 2000 Watt-Standard erreicht, schon gar nicht mit Kindern. Immerhin gibt's noch ein paar wenige Leute die einen alten Ford Mustang fahren, sie sind aber schwer zu finden. Die übrigen fahren einen kleinkarierten Sparwagen, unauffällig und grau oder schwarz, dessen Herstellung eine Unmenge Energie und Wasser verschlungen hat.
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