Mit der Enthüllung ihres Porträts «Spuren der Macht» reiht sich die ehemalige deutsche Kanzlerin Angela Merkel in die Tradition ihrer Vorgänger ein, die sich bereits im Bundeskanzleramt verewigen liessen. Das auf den ersten Blick schlichte Porträt ist jedoch voller Symbolik – wie der Kunstwissenschaftler Nikolaus Bernau erklärt.
SRF: Die wichtigste Frage zuerst: Ist das Porträt denn gelungen?
Nikolaus Bernau: Auf jeden Fall. Es ist ein etwas konservatives Bild. Das liegt selbstverständlich auch an der Gattung selbst: Das Porträt zeigt eine Person ab dem Knie aufwärts. Die Person blickt einem als Betrachter direkt ins Gesicht. Frau Merkel stützt sich leicht ab, aber sie strahlt dabei Autorität und Selbstbewusstsein aus.
Und dann wären da noch diese irre kraftvollen Farben. Sie trägt ein strahlend blaues Sakko vor einem goldgelben Hintergrund. Es ist aber auch ein Ausnahmebild.
Was genau ist daran die Ausnahme?
Wenn man Merkels Porträt mit zeitgenössischen Porträts von Königin Elisabeth II. und Margaret Thatcher vergleicht, erkennt man: Königin Elisabeth hatte faktisch keine Macht, war aber deren Symbol. Margaret Thatcher hatte die Macht, war aber der Königin symbolisch unterlegen.
Es hat diese strahlenden Farben in den Augen, wo man das Gefühl hat: Ja, wir schaffen das.
Frau Merkel verbindet beides: Sie hatte die Macht, sie hat immer noch die Autorität und sie kann das in ganzer Fülle ausstrahlen.
Wie blickt der 28-jährige Künstler Jérémie Queyras auf die einstige Bundeskanzlerin?
Man muss sich vorstellen, dass er einer Generation angehört, die tief geprägt von Angela Merkel ist, die zeitweilig sozusagen dachte: Das ist die ewige Bundeskanzlerin.
Für diese Generation stand Angela Merkel für Stabilität und Sicherheit: für ein Land, das noch keine erstarkte AfD kannte, nicht dem Druck von Trump ausgesetzt war und auch noch nicht mit Putins Krieg konfrontiert wurde. Das merkt man auch an der sehr optimistischen Farbgebung und den strahlenden Farben in den Augen, wo man das Gefühl hat: Ja, wir schaffen das.
Wieso hat sich Angela Merkel für den noch unbekannten französisch-deutsch-kanadischen Künstler Jérémie Queyras entschieden?
Merkel ist mit der Wahl von Jérémie Queyras ein Wagnis eingegangen: Er ist kein Ostdeutscher, keine Frau, wie das im Vorfeld verlangt wurde. Er ist ein junger Künstler, den kaum jemand kennt, und stammt aus einer Familie mit Zuwanderungsgeschichte. Zudem steht er für die deutsch-französische Freundschaft.
Das sind alles Themen, die Merkels Regentschaft ausgemacht haben. Themen, die sie in einer Person gebunden hat, die sie dann malen durfte. Das ist schon ein ziemlich starkes politisches Statement.
Das Gespräch führte Barbara Peter.