Eben noch knipsten die Besucherinnen und Besucher die Punktbilder von Kusama ab, nun hängen in der Fondation Werke, die sich nicht recht fotografieren lassen. Aber die Kunstgeschichte einst auf den Kopf stellten.
Ein Beispiel: Auf einem weissen Tuch hat der Künstler Äpfel und Orangen drapiert. Die Farben knallen wie Fäuste in einem Profi-Kampf. Hinten dagegen herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Im Hintergrund setzt Cézanne nämlich die Farben und Formen eines Kelim Teppichs weich gegen die Früchte ab.
Die Farbflecke, aus denen er das Bild konstruiert, sind deutlich wahrzunehmen. Das alles war 1899 unerhört. Und funktioniert noch heute.
Übervater trotz Misserfolgs
Zu sehen ist in der neuen Cézanne-Ausstellung der Anfang der modernen Kunst. Cézanne gilt als ihr Pionier. Picasso hat ihn mal als «Vater von uns allen» bezeichnet.
«Das stimmt ja auch irgendwie», sagt Kurator Ulf Küster, «er ist Vater aller modernen Künstler und Künstlerinnen, die nach ihm kamen. Man kann ihn auch als Rollenmodell sehen, denn er hatte zunächst wahnsinnig viel Misserfolg.»
Cézanne malte viele berühmte Bilder. Aber nicht von Anfang an. Lange Jahre erlebte er vor allem Ablehnung, er suchte seinen Weg, brach wieder ab und verliess die Kunsthauptstadt Paris. Erst in der Provinz – der Provence – malte Cézanne die Bilder, die bis heute Künstlerinnen und Künstler beeinflussen.
Weltberühmte Bilder aus dem Süden Frankreichs
Darunter sind Stillleben mit Pfirsichen, Melonen oder Orangen, die Porträts des immergleichen Bergs, dem Montagne Sainte-Victoire, und Porträts von Menschen.
Am spannendsten aber sind die weniger berühmten Bilder unter den rund 80 Werken in der Ausstellung. Etwa die Landschaften mit Felsen oder Bilder vom Unterholz im Wald. Cézanne malte die Steine mal beinhart im gleissenden Sonnenlicht, mal fluffig weich wie Marshmallows.
Der Künstler malte nicht die Wirklichkeit ab, sondern seine Wahrnehmung dieser Wirklichkeit, seine Interpretation. Und die lässt Felsen eben mal hart, mal weich erscheinen.
Das Sehen erleben
Erstaunlich ist auch, wie sehr diese Bilder auf Betrachterinnen und Betrachter angewiesen sind. Sie mögen berühmt sein oder nicht, ohne uns sind sie nichts. Das Publikum ergänzt Cézannes Bilder, denn der arbeitet immer auch mit dem Unfertigen, lässt Stellen offen, nutzt die unbemalte Leinwand als Raum für uns oder für die hellen Glanzlichter einer Spiegelung.
Das ist aufregend, denn hier lässt sich das Sehen erleben. Natürlich das eigene, aber auch das von Cézanne. Zumindest ist es zu erahnen. Das hat zwar nichts mit dem Wahnsinn zu tun, der tagtäglich draussen in der Wirklichkeit tobt.
Hier in der Ausstellung verdrehen einem nur Farben und Formen den Kopf. Nichts wirklich Schlimmes also. Um Grundsätzliches geht es dennoch.