Sie trägt wahnsinnig schwer. Einen Lieferrucksack, voll mit Essen, wie man ihn vom Food-Lieferanten kennt. Er ist so schwer, dass sie die Last kaum tragen mag. Irgendwann landet sie auf dem Boden. Strampelt wie ein sterbender Käfer. Dann stopft die Frau Spaghetti in sich rein. Status: Survival.
Der Subtext von Ernestyna Orlowskas Performance: Friss oder stirb! «Make Your Body Your Machine» ist eine Kritik an ausbeuterischen Geschäftsmodellen. Sie zeigt aber auch: Frau muss so manches buckeln. «Der weibliche Körper muss schön sein, gesund, dünn, stark. Er muss mitfühlend sein, fürsorglich, weich und lieb. Aber mein Körper hat auch Grenzen», sagt die polnisch-schweizerische Künstlerin über ihre Arbeit.
Ihre Arbeit ist oft unsichtbar
Ihre Performance ist eine von 36 Arbeiten, die zurzeit im Museum Tinguely gezeigt werden. Die Ausstellung «Labouring Bodies» versammelt Werke, die den Frauenkörper in den Fokus rücken. Im Zentrum, ein Muss im Museum Tinguely, steht ihr Verhältnis zur Maschine. Es sind Frauenkörper, die wie Maschinen funktionieren. Körper, die viel leisten. Vieles davon ist unbezahlt, unsichtbar.
Der Fokus auf die Frau ist eine Ausnahme. Der Blick habe in der Bild- und Theorie-Tradition vor allem dem arbeitenden Mann gegolten, erklärt Kuratorin Dr. Sandra Beate Reimann. «Ein berühmtes Beispiel: ‹Modern Times› von Charlie Chaplin, bei dem der arbeitende Mann in das Räderwerk der Fabrik gerät.» Der Arbeiter: ein Opfer der Mechanisierung. Im unaufhaltsamen Räderwerk der Moderne.
Die Maschine: Fluch und Segen
Die Maschine, die Ent-, aber auch Belastung bringt, gar Ausbeutung zur Folge hat: ein roter Faden in der Schau, die Arbeiten aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber auch zeitgenössische Arbeiten präsentiert.
Zu sehen sind etwa Fotos von Frauen, die in Fabriken im Akkord arbeiten, oder als Sekretärinnen im Büro. Ein Highlight auch: ein Gemälde der deutschen Malerin Sella Hasse, die Industriearbeiterinnen zeigt, die in den Maschinen zu verschwinden scheinen. Auffallend bei vielen anderen Werken: Die Frau bleibt oft im Hintergrund – agiert als stille Hilfskraft. Hier wird sie sichtbar.
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Bild 1 von 2. Frau am Werk: «Kammgarnspinnerei. Markkleeberg» von Evelyn Richter. (1970). Bildquelle: Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.
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Bild 2 von 2. «Industriearbeiterinnen» von Sella Hasse. (1915). Bildquelle: Akademie der Künste, Berlin, Kunstsammlung.
Ironisch betrachtet die Arbeit «In The Kitchen» von Helen Chadwick die Rolle der Frau im Haushalt: Hier verschmilzt die Frau mit den Haushaltsgeräten. Etwa mit einem Herd. Die Platten: ihre Busen. Beides heiss?
Die Frau – eine Gebärmaschine?
Ein Unterton, der in der feministischen Ausstellung ständig mitschwingt: Von der Frau wird erwartet, dass sie funktioniert. Ihre Aufgabe erfüllt. Ein wiederkehrendes Thema: die Reproduktion, die schon im Titel der Ausstellung steckt. To labour bedeutet auch: in den Wehen liegen – Wehenarbeit.
Ein irritierender Hingucker: Eine futuristisch anmutende Arbeit von Katja Novitskova. Da stehen elektronische Babywippen, die schräge Wesen wiegen. Insekten, Fossilien, Eier. Die Fragen, die sie mit ihrem Werk aufgreifen will: Wie weiter mit der Reproduktion? Wie weit kann Fürsorge gehen? Wann wird sie unheimlich?
«Labouring Bodies» zeigt nachdrücklich, wie sehr das Maschinelle der Frau zu schaffen macht. Und führt vor Augen, was Frau oft so schaukelt – Lohnarbeit, Care-Arbeit, Beziehungsarbeit. Ein Fazit – da sind Frauen und Männer gleich: Kein Mensch kann eine Maschine sein.