Schon vor 200 Jahren propagieren die Saint-Simonistinnen die Befreiung der Frau und eine staatliche Entschädigung für Mutterschaft. Die Radikalität ihres Denkens fasziniere bis heute, so Historikerin Caroline Arni. Sie hat über die Urururur-Grossmütter der heutigen Feministinnen ein Buch geschrieben und ordnet das Thema im Interview ein.
SRF: Caroline Arni, am 14. Juni ist Frauenstreiktag. Wären die Saint-Simonistinnen mitgelaufen?
Caroline Arni: Wahrscheinlich ja. Wie den heutigen Feministinnen ging es den Saint-Simonistinnen um die Frage, wie Care-Arbeit, also Kinder gebären und aufziehen, gerecht entschädigt werden kann. Aber die Saint-Simonistinnen wären wohl mit vielem nicht einverstanden gewesen. Dissens war für diese Frauen aber eine Selbstverständlichkeit. Als sie 1832 in Paris die Zeitschrift «La Femme libre» gründen, enthält die erste Ausgabe eine Selbstverpflichtung. «Wir kennen kein kleinliches Denken, das uns all jene zurückweisen liesse, die nicht genauso denken wie wir.»
Ihr Buch «Wir, nicht wir – Frühsozialistischer Feminismus» behandelt einen Zeitraum von zwei Jahren, 1832 bis 1834, und handelt von fünf Frauen, die heute kaum jemand kennt. Nischig – könnte man sagen. Für Sie aber interessant. Warum?
Diese Frauen ergreifen vor 200 Jahren radikal selbstbestimmt das Wort. Sie sind blutjung und Proletarierinnen. Näherinnen, Stickerinnen. Diese Frauen ergreifen das Wort, das ihnen im doppelten Sinne niemand erteilt hat. Als Frauen ist es damals ungewöhnlich, sich in die gesellschaftliche Debatte einzumischen – und erst recht als Frauen aus der Arbeiterschicht.
Frauen können nur frei sein, wenn sie genügend Geld verdienen.
Ihre Forderungen sind glasklar: die Befreiung der Frau. Die Grundlage dafür sehen die Saint-Simonistinnen in der materiellen Freiheit. Frauen können nur frei sein, wenn sie genügend Geld verdienen, damit sie von ihren Ehemännern unabhängig sind.
Das Hauptargument lautet: Geburt und Kindererziehung seien Arbeit und von dieser Arbeit müssten Mütter leben können. Das Gegenteil sei aber der Fall. Schwangerschaften stürzen Frauen in Elend und Armut.
Mit dieser Feststellung analysieren die Saint-Simonistinnen die Wirklichkeit jener Zeit. Dann entwerfen sie einen neuen Gesellschaftsvertrag. Dabei lehnen sie sich bei Jean-Jacques Rousseau an. In seinem «Contrat social» definiert er das Verhältnis zwischen Staat und Bürger über Rechte und Pflichten. Die Saint-Simonistinnen argumentieren nun folgendermassen. Frauen haben die Pflicht, Kinder zu gebären. Aber wo eine Pflicht ist, ist auch ein Recht. Im Gegenzug muss der Staat für Existenzsicherung sorgen, also eine Art Mütterrente.
Damit zurück zur Ausgangsfrage: Wären die Saint-Simonistinnen am Frauenstreik willkommen? Schliesslich treten sie aus heutiger Sicht in «ein feministisches Fettnäpfchen nach dem anderen», wie Sie in Ihrem Buch schreiben, wie eben die «Mutterschaft als Pflicht».
Aus heutiger Perspektive sind die Saint-Simonistinnen wie ein Kippbild. Sie stellen Forderungen, die zeitgemäss scheinen, aber sie irritieren mit der Haltung, dass Mutterschaft eine Pflicht gegenüber der Natur sei. Ihr Denken versteht man nur, wenn man Mutterschaft nicht als Gegenpol zur Politik begreift.
Wie Mütter abgesichert werden können, war genauso dringend wie heute.
Im Gegenteil: Sie verstanden Mutterschaft als ökonomische Kraft und rückten sie aus dem privaten in den politischen Raum. Damals war Mutterschaft ein Schicksal. Verhütung gab es noch keine. Kinder kamen zur Welt und die Frage, wie Mütter abgesichert werden können, war genauso dringend wie heute.
Das Gespräch führte Anna Jungen.