Dialog-Ausstellungen sind bei Museumsleuten beliebt. Denn, was ist zieht noch mehr Menschen ins Museum als ein bekannter Name? Zwei bekannte Namen! Nicht immer wirken die Kombinationen überzeugend.
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Bild 1 von 2. Sowohl Picasso (im Bild) als auch Kirchner haben die klassische Kunst gesprengt und neue Bildsprachen erfunden – Picasso formzerlegend, Kirchner farbintensiv. Bildquelle: Centre Pompidou.
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Bild 2 von 2. 1933 schrieb Ernst Ludwig Kirchner selbstbewusst, er erwarte eine internationale Ausstellung, in der seine Werke neben jenen von Pablo Picasso gezeigt würden. Was damals Wunsch blieb, wird nun in Davos Realität. Bildquelle: Ernst Ludwig-Kirchner Archiv/Kirchner Museum Davos.
Auch in der streng chronologisch sortierten «Kirchner. Picasso»-Ausstellung in Davos kann man sich zu Beginn des Rundgangs fragen, was genau die beiden Künstler miteinander verbunden haben soll: den deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) und den spanischen Kubisten Pablo Picasso (1881–1973)?
Mehr als bloss Zeitgenossen?
Beide haben recht brav begonnen, mit Aktbildern und Porträts ihrer jeweiligen Väter. Beide interessierten sich für aussereuropäische Kunst und für Motive aus der Welt von Tanz und Zirkus, aber auch für Grossstadt oder Natur. Darin kann man Zeitgenossenschaft erkennen. Aber mehr?
«Es sollten doch einmal meine Bilder neben Picassos hängen», notierte Kirchner 1933 in einem Brief. Was steckt hinter diesem Wunsch? Bewunderung? Grössenwahn? Neid?
Offenbar hat Kirchner sich immer wieder intensiv mit Picasso beschäftigt. Picasso arbeite ganz anders als er und aus einer ganz anderen Einstellung, notierte Kirchner. Doch war Kirchner grundsätzlich sehr interessiert daran, zu sehen, was künstlerisch in der Welt um ihn herum passierte.
Blick auf Fehmarn durch die Kubismus-Brille
1912 wurden Werke von Kirchner wie auch Werke von Picasso in Köln gezeigt. Getroffen haben die beiden sich dort vermutlich nicht. Katharina Beisiegel, Direktorin des Kirchner Museums in Davos und Organisatorin der Ausstellung, geht sogar davon aus, dass Kirchner und Picasso sich nie persönlich begegnet sind.
Doch nach der Kölner Ausstellung malte Kirchner einen Blick auf die Ostsee-Insel Fehmarn. Wie üblich bei Kirchner in starken Farben und mit kraftvollem Pinselduktus. Die verschachtelte Anordnung der flächig gemalten Häuser erinnert jedoch leicht an kubistische Bilder. Kirchner hat sich hier möglicherweise von Picasso inspirieren lassen, hat sich ein bisschen Kubismus abgeguckt und in etwas Eigenes verwandelt.
Wenn man durch die Ausstellung geht, hat man jedenfalls nie Mühe, die Werke den beiden Künstlern zuzuordnen. Kirchner bleibt bei aller Experimentierfreude immer Kirchner – mit starken Farben, starken Kontrasten, starken Gesten.
Ein Filou in Sachen Selbstmarketing
Kirchner war nicht nur offen für Neues. Er war auch ehrgeizig. Er wollte ganz vorn mit dabei sein, in der Avantgarde. Als das Kunsthaus Zürich 1932 eine grosse Picasso-Retrospektive veranstaltete, sah Kirchner dort neue Picasso-Bilder, deren Motive mit wenigen, kräftigen Linien gestaltet wurden. Flugs malte Kirchner ein Aktbild, ebenfalls auf ein paar sparsame Linien beschränkt. Um nicht als Nachahmer dazustehen, datierte Kirchner das Bild einfach vor, auf 1931.
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Bild 1 von 4. Im Werk «Nackte liegende Frau» (Mitte, datiert auf 1931) von Ernst Ludwig Kirchner erkennt man Einflüsse von Expressionismus und Kubismus – ein Stil, den vor allem Picasso geprägt hat. Bildquelle: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller.
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Bild 2 von 4. Mit dieser Vorstudie zu «Les Demoiselles d'Avignon» (1907) – brach Picasso mit allen bisherigen Konventionen der Kunst und schuf die erste Ausformung einer neuen, geometrischen Bildsprache. Bildquelle: Staatsgalerie Stuttgart.
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Bild 3 von 4. «Zwei Frauen auf der Strasse» (1914) vom deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner: Erkennen Sie Ähnlichkeiten mit ... Bildquelle: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen/Achim Kukulies.
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Bild 4 von 4. ... «Femme en vert» (1909)? Es gehört zu Picassos frühen kubistischen Werken, in denen er die abgebildete Figur auf geometrische Formen reduziert. Bildquelle: Peter Cox.
Kirchner war ein Filou und wenn’s um die Karriere ging, griff er auch mal zu unüblichen Mitteln. Zum Beispiel erfand er den Kritiker Louis de Marsalle, der Artikel über Kirchners Werk schrieb. Ob Picasso sich je über Kirchner geäussert hat und wenn ja wie? Dazu ist offenbar nichts überliefert.
Und auch die Ausstellung konzentriert sich auf Kirchners Perspektive.