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Kunst Eine indische Künstlerin zeigt ihre Zähne

Piyali Sadhukhan wird in der Kunstszene Indiens als vielversprechende Künstlerin gefeiert. Im Gespräch an der Vorpremiere zum Film «Pop Art am Ganges – Kunstszene Kalkutta» sagt sie, warum Kunst politisch sein muss – und welche künstlerischen Mittel sie der männlichen Dominanz entgegensetzt.

Im Moment sind Sie Artist in Residence in Aarau. An was arbeiten Sie gerade?

Mich beschäftigt das Thema der Migration und speziell die Frage nach der Erinnerungskultur von Migrantinnen und Migranten. Viele dieser Menschen kommen aus ländlichen und armen Gegenden, wo oft Krieg herrscht. Mich interessiert deshalb, ob sie hier in der Schweiz noch schöne Erinnerungen an ihre Heimat besitzen oder nicht. In Gesprächen habe ich mittlerweile herausgefunden, dass fast alle die eigene Vergangenheit vergessen haben, um die schmerzvolle und gefährliche Reise überhaupt zu überleben.

Wie konnten Sie mit diesen Menschen hier in der Schweiz in Kontakt kommen?

Die Leute des Gästeateliers Krone waren sehr hilfsbereit und haben gute Kontakte. Über sie bin ich an Adressen gelangt, wo ich Migrantinnen und Migranten treffen konnte. Bevor ich mich mit ihnen über ihre Erfahrungen ausgetauscht habe, ging es mir aber vor allem darum, zusammen Zeit zu verbringen und mich mit ihnen anzufreunden. Erst als sie sich in meiner Gegenwart wohlgefühlt haben, suchte ich das Gespräch über ihre Erinnerungen und habe schliesslich viele Informationen aus ihrem Leben erhalten. Für ihre Offenheit und das Vertrauen bin ich sehr dankbar.

Warum muss sich Kunst mit solchen gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzen?

Kunst ist kein Handwerk, sie ist keine Dekoration für das Haus. Kunst sollte vielschichtig sein und muss meiner Meinung nach alle Fragen des Lebens umfassen, also auch die Politik. Wir Künstlerinnen und Künstler werden in Indien oft als faule Leute bezeichnet, die keine «richtige» Arbeit haben. Die Leute denken, dass wir unendlich viel Zeit haben. Also machen wir wenigstens etwas daraus und analysieren brisante Themen!

Ist das Thema der Migrationspolitik in Ihrer Heimatstadt Kalkutta ebenfalls aktuell?

Durch die geografische Lage sind Fragen und Probleme rund um die Migration sehr aktuell. Mein Kunstprojekt, das ich zusammen mit meinem Mann entwickelt habe, begann nicht erst in der Schweiz, sondern durch die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen aus Bangladesch in Kalkutta. Sie wohnen dort unter äusserst prekären Umständen und haben als Haus nicht mehr als ein Bambusgestell ohne Dach und ohne Wände zur Verfügung. Dennoch nennen sie diese «Häuser» ihr Zuhause. Stellen Sie sich vor, wie schlimm die Situation in Bangladesch sein muss, wenn Menschen mit einem Bambusgestell zufrieden sind.

In Ihrer Arbeit setzten Sie sich auch mit dem Frausein und dem Thema der Gewalt auseinander. Dafür verwenden Sie oft Techniken, die erst auf den zweiten Blick erkennen lassen, was der Gegenstand der jeweiligen Arbeit ist.

Richtig. Zwar sind meine Bilder und Skulpturen im indischen Kontext entstanden und nehmen Bezug auf die Probleme, die Frauen dort erleben. Aber überall auf der Welt gibt es diese Probleme, die leider oft versteckt gehalten werden. Wir dekorieren unsere Gesellschaft und uns selbst aufgrund des Blicks von aussen, während innen Gewalt herrscht. Frauen in Indien – aber auch an vielen anderen Orten der Welt – sind bis heute unterdrückt und diskriminiert, weil sie beispielsweise nicht dieselben Löhne wie Männer bekommen.

Ich selbst sehe mich als privilegierte Frau, weil ich in einem Teil von Indien lebe, wo gewisse Freiheiten für Frauen bestehen. Aber das haben nicht alle. Was, wenn ich nicht ein Mädchen von Kalkutta wäre, wenn ich aus einem Dorf kommen würde? Mein Leben wäre sehr anders!

Erachten Sie Ihre Kunst als feministische Kunst, um für andere, nicht privilegierte Frauen zu kämpfen?

Ja. Manchmal machen meine Künstlerkollegen Witze über mich und meine Kunst und fragen, warum ich immer zu diesen Frauenthemen arbeite. Aber solange es Probleme gibt, mit denen Frauen jeden Tag kämpfen müssen, setze ich mich damit auseinander. Wenn es eines Tages keine Frauendiskriminierung mehr gibt, dann kann ich mich mit anderen Themen beschäftigen. Aber für mich als Mensch, der das Leben einer Frau lebt, sind mir die Frauenthemen halt näher als die Probleme der Männer.

In Ihrer Arbeit sieht man oft das Motiv der Wirbelsäule und Zähne. Was symbolisieren sie?

Ohne die Wirbelsäule können wir nicht stehen und haben keine Kraft. Es ist ein Symbol der Stärke – für mich als Frau, als Künstlerin, als Inderin, als Mensch. Es ist aber nicht nur ein Symbol der körperlichen Stärke. Wichtig ist für mich auch zu bedenken, dass durch die Wirbelsäule alle wichtigen Nerven gehen und sie deshalb eng mit unserer Sensitivität verbunden ist.

Die Zähne und Münder sind ebenfalls Symbol der Stärke. Ich könnte mit meinen Zähnen beissen, um mich zu verteidigen, aber ich benutze sie eher zum «Zähne zeigen». Wir Frauen sind physisch oft schwächer als Männer. Wir können unsere Schwäche aber tarnen, wie ich es in «Camouflaged» zeige: Ich repräsentiere mich mit Muskeln, Zähnen und Bart, um mich selbst zu schützen.

Ausstellungshinweis

Die Werkausstellung von Piyali Sadhukhan ist vom 13.-21. Juni 2015 im Forum Schlossplatz Aarau zu sehen, Vernissage am 12. Juni 2015.

Zur Person

Zur Person
Legende: Filmstill aus «Pop Art am Ganges – Kunstszene Kalkutta». Lekha Sarkar

Piyali Sadhukhan, geb. 1979, hat 2006 ihren Abschluss als M.A.F Kala Bhawana, Viswa Bharati gemacht. Ihre Kunst wird in Indien und in internationalen Galerien ausgestellt. Sie arbeitet zudem bei Theaterproduktionen mit als künstlerische Leiterin und Szenografin.

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