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Nick Drnaso - Sabrina
Aus Kultur-Aktualität vom 13.09.2019. Bild: ZvG / Aufbau Verlag
abspielen. Laufzeit 2 Minuten 32 Sekunden.

Erschütterndes Kunstwerk Der amerikanische Alptraum

Ein brutaler Mord, ein Video im Internet, Hasskommentare und Verschwörungstheorien – in «Sabrina» seziert der amerikanische Comic-Autor Nick Drnaso die USA von heute.

Die Titelfigur Sabrina sehen wir nur auf den ersten Seiten dieser Graphic Novel: Sie kümmert sich um das Haus ihrer abwesenden Eltern und unterhält sich lange mit ihrer Schwester. Am nächsten Morgen verlässt sie das Haus – und verschwindet. Sie wird, erfahren wir später, das Opfer eines brutalen Mords, dessen Video viral geht.

Buchhinweis

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Legende: zVg / Aufbau Verlag

Nick Drnaso: «Sabrina», Aufbau Verlag, 2019

Nick Drnasos Graphic Novel «Sabrina» ist jedoch kein Krimi. Wie und warum Sabrina umgekommen ist, und ob der Mann im Video tatsächlich ihr Mörder ist, erfahren wir nicht. Nicht das ist relevant. Relevant ist der Kontext, in dem solche Untaten und vor allem solche Videos möglich sind. Relevant sind die Diskussionen und Kommentare, die solche Videos auslösen.

Erschütterndes Kunstwerk

Der 29-jährige Nick Drnaso macht die Ermordete zur Hauptfigur seines Comics und nimmt diesen Mord zum Anlass für eine bestechende Analyse seiner Wirkung auf Angehörige, Freunde und die Internet-Gemeinde. Damit trifft der 29-jährige Nick Drnaso der Nerv der Zeit und sorgte für viel Aufsehen: «Sabrina» wurde als erste Graphic Novel überhaupt für den renommierten Literaturpreis Man Booker Prize nominiert.

Wimmelbild von Kindergarten und Primarschule mit gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Legende: Nick Drnaso zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die systematisch verroht, und dies beginnt schon bei den Kleinsten. zVg / Aufbau Verlag

Die Autorin Zadie Smith bezeichnete «Sabrina» als «das beste Buch über unsere Gegenwart, das ich gelesen habe», und die New York Times umschrieb es als «ein zutiefst amerikanischer Alptraum» und «ein erschütterndes Kunstwerk».

Emotionale Leere

In kühlen, matt eingefärbten, geradezu aseptisch sauberen Bildern entwirft Drnasos Szenen von geradezu unerträglicher emotionaler Leere und Enge. Da ist Teddy, ihr Freund mit den halblangen blonden Haaren. Verstört von ihrem Verschwinden taucht er bei seinem alten Freund Calvin unter, den er seit der Highschool aus den Augen verloren hat.

Mann in Tarnanzug kommt eine Treppe herunter
Legende: Immer wieder sind die Bilder gespenstisch menschenleer, die Protagonisten einsam. zVg / Aufbau Verlag

Calvin lebt in der Provinz, hadert mit seiner Trennung von Frau und Tochter und arbeitet als Techniker im Kampfanzug für die amerikanische Armee. Calvin kümmert sich rührig um seinen alten Buddy, doch ein echter Kontakt zwischen den beiden entsteht nicht.

Das dumpfe Raunen im Netz

Derweil zieht das Mord-Video seine Kreise und löst die üblichen Kommentare und Kontroversen in Netz-Foren und im konservativen Talkradio aus. Aufgrund von angeblichen Ungereimtheiten im Video werden haarsträubende Theorien entwickelt: Das Video sei ein Fake, und Sabrina lebe noch. Oder: Die Regierung habe Sabrina ermordet, um die Bevölkerung zu ängstigen.

Es entsteht das mittlerweile wohlbekannte dumpfe Raunen aus Verschwörungstheorien, Fake-News, politischer Paranoia, Nationalismus, Kulturkampf und schlichtem Irrsinn … – und plötzlich gerät Calvin ins Visier der Hetzer: Sie sind überzeugt, dass er die ganze Wahrheit über Sabrina kenne …

Vertrauen aufgelöst

Nick Drasno schildert scheinbar beiläufig, aber mit grosser Akkuratesse und auf vielschichtige Weise, wie diese kaum fassbare und kaum angreifbare Meinungsmache unser Vertrauen in selbstverständliche Gewissheiten und die eigene Wahrnehmung zersetzen kann, und wie leicht sich jegliches Gefühl für Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, Vernunft und Konsens auflösen.

Donald Trump wird zwar nie namentlich erwähnt, aber es ist dieses Post-9/11-Amerika, das Nick Drnaso auf raffinierte und eindringliche Weise seziert, das Amerika, das einen solchen Präsidenten überhaupt möglich gemacht hat.

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