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Kunst Melancholische Momentaufnahmen gegen das Vergessen

Als sein Vater an Demenz erkrankte, ging der Fotograf Giuseppe Micciché mit ihm auf Spaziergänge durch Winterthur. Die Streifzüge hielt er mit der Kamera fest. Daraus entstand das berührende Projekt «Cento Passi», für das Micciché mit dem Swiss Design Award ausgezeichnet wurde.

Cento passi – hundert Schritte – steht im Italienischen für etwas Flüchtiges, Vergehendes, für eine kleine Weile, eine kurze Distanz. Genau das hat der Winterthurer Fotograf Giuseppe Micchiché zusammen mit seinem demenzkranken Vater getan: die Wohnung jeweils eine kurze Zeit verlassen für kleine Streifzüge durchs Quartier.

Aus den gemeinsamen Ausflügen in der Stadt, wo der Vater sein Erwachsenenleben und der Fotograf seine Kindheit und Jugend verbracht haben, ist das liebevolle und melancholische Buchprojekt «Cento Passi» entstanden.

Stadtrundgang voller Erinnerungen

Miccichés Bilder zeigen den Vater, wie er staunend durch sein Viertel in Winterthur geht. Man sieht durch die Kameras des Sohns, was der Vater erblickt. In jener Stadt, wo – genau wie in seinem Kopf – innerhalb kürzester Zeit so vieles verloren gegangen ist.

Man schaut dem Vater zu, wie er durch einen Ausschnitt einer Bauabschrankung blickt. Dahinter klafft ein Loch – da, wo früher die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik stand, für die er während 33 Jahren gearbeitet hat. Die Erinnerungen verschwinden nicht nur aus Vaters Gedächtnis, sondern auch aus der Realität.

Festhalten, was nicht vergessen werden soll

Eigentlich wollte Giuseppe Micciché mit diesen kurzen Ausflügen nur die Mutter entlasten. Denn der Vater entwickelte im Verlauf seiner Erkrankung einen grossen Bewegungsdrang. Erst nach und nach habe er realisiert, sagt Giuseppe Micciché, dass es auf diesen Spaziergängen auch um ihn selbst ging. Dass er mit seiner Kamera festhalten wollte, was nicht vergessen gehen sollte: sein Vater, der ihn grossgezogen hat, und die Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Micciché wurde für die fotografische Begleitung seines Vaters auf dessen Spaziergängen mit dem Swiss Design Award 2013 ausgezeichnet. Für «Cento Passi» erhielt er auch das Werk- und Atelierstipendium der Stadt Zürich, das er zurzeit in New York verbringt. Im Herbst wird die berührende Foto-Serie auch in Buchform in der Edition Patrick Frey veröffentlicht.

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