Eine übergrosse Discokugel empfängt die Besuchenden im Museumsfoyer. Gemächlich rotiert sie in Ankleidespiegelhöhe. Die kleinen Spiegel an der Oberfläche reflektieren den Raum, die Kommenden und Gehenden. Zerteilt in kleine Facetten, streut die Kugel die eingefangenen Bilder wieder aus, projiziert sie auf die Wände, und schickt sie zurück zu den Betrachtenden.
«Man schaut ein Objekt an. Und das Objekt blickt zurück», sagt John M. Armleder. Das interessiere ihn an Discokugeln. Der international gefragte Künstler ist überzeugt, dass eine Ausstellung erst im Kopf der Besuchenden entsteht. Dafür liefert er Anregungen.
Feines Anspielungs-Pingpong
«Observatoires» nennt Armleder seine Sammlungsschau. Im Titel stecken die Besuchenden als Beobachtende. Sowie ein Stück Genfer Geschichte. Auf der Grünfläche vor dem Musée d’Art et d’Histoire stand früher eine Sternwarte. Die «Promenade de l’Observatoire» erinnert daran.
Dieser Strassenname liest sich aber auch wie ein Hinweis darauf, dass die Freifläche vor dem Museum wie eine grosse Terrasse angelegt ist, von der man den See und den Jet d’Eau sehen kann. Hinter den Museumsfenstern spiegelt Armleder die Terrasse in Form einer Aussichtsplattform aus Baugerüsten. So entspinnt sich ein feines Anspielungs-Pingpong.
Marc-Olivier Wahler, Direktor des Musée d’Art et d’Histoire, ersann das Konzept der Carte Blanche, um den Sammlungen des Hauses zu neuer Sichtbarkeit zu verhelfen.
Das Musée d’Art et d’Histoire in Genf ist das zweitgrösste Museum der Schweiz, und eines der ältesten europaweit. Rund 800'000 Objekte befinden sich in den Depots: Kunstwerke, archäologische Funde, Uhren, Schmuck, aber auch Gebrauchsgegenstände verschiedener Epochen.
Behutsamer Griff in die Schatzkiste
John M. Armleder, 1948 in Genf geboren, greift mit Bedacht in diese Schatzkiste. Seine Leitfrage dabei ist die nach dem Verhältnis von Kunst und Gebrauchsobjekten. Man könnte auch sagen: von Kunst als Kunst und angewandter Kunst.
Armleder kombiniert Abstrakte Malerei mit farblich abgestimmten E-Gitarren und gemalte Blumenstücke mit künstlichen Orchideen, die in Traktorreifen «gepflanzt» sind.
In einem Eckraum, in dem historische Buntglasfenster in die Wände eingelassen sind, stellt Armleder einige Glasglocken aus, die normalerweise Uhren und andere Preziosen schützen. Was ist Werk, was Beiwerk oder Rahmen? Rahmen wofür? Für die Kunst oder die Erwartungen der Betrachtenden?
Pazifistische Reflexionen
Immer wieder begegnet man in der Ausstellung spiegelnden Elementen. Zum Beispiel einem Konzertflügel, in dem der Schweizer Künstler Christian Marclay die Saiten durch eine Spiegelfläche ersetzt hat. Den historischen Waffensaal verwandelt John M. Armleder mithilfe spiegelnder Folien in ein Spiegelkabinett.
So lässt der Künstler und Pazifist, der als Militärdienstverweigerer sieben Monate im Gefängnis verbracht hat, die Waffen verschwinden. Und gleichzeitig fordert er die Besuchenden auf, ihre eigene Haltung zu Krieg, Waffen, Weltgeschehen zu reflektieren.