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Sammlung Bührle: Mitglieder der ehemaligen Bergier-Kommission kritisieren das Kunsthaus Zürich
Aus HeuteMorgen vom 09.11.2021.
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Provenienzforschung Ex-Bergier-Kommission greift das Zürcher Kunsthaus an

Die Kritik an der Bührle-Sammlung des Kunsthauses wächst. Der Forschungsstand sei überaltert, bemängeln Historiker.

Seit Oktober 2021 ist ein bedeutender Teil der Bührle-Sammlung wieder öffentlich zugänglich: Das Kunsthaus Zürich hat rund 170 Kunstwerke als Leihgaben erhalten.

Nicht kritisch genug nachgeforscht

Diese Ausstellung steht in der Kritik. So warf ihr etwa im September der Historiker Erich Keller vor, immer noch NS-Raubkunst zu enthalten. Die Stiftung Bührle habe sich nicht kritisch genug mit der eigenen Sammlung auseinandergesetzt.

Nun erhält Keller Beistand von gewichtiger Stelle. Auch der Historiker Jakob Tanner greift das Kunsthaus an. Dieses habe sich auf veraltete Forschungen zur Herkunft der Bilder gestützt. Zudem habe es den Untersuchungen der Stiftung Bührle zu sehr vertraut.

Zürcher Regierung und Bührle-Sammlung reagieren

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Wenige Tage nach dem Vorwurf hat die Zürcher Regierung gefordert, dass das Kunsthaus bei der Bührle-Sammlung über die Bücher soll: Stadt und Kanton Zürich erwarten, dass es den Kontext zur Sammlung besser vermittle. Sie fordern konkret eine unabhängige Evaluation der bisherigen Forschung und eine Erweiterung des Dokumentationsraums.

Die Informationen zur Herkunft der Bilder sollen mehr Gewicht erhalten und die Vermittlung lebendiger gestaltet werden, teilten Stadt und Kanton Zürich am Mittwoch mit.

Um dies zu erreichen, wird nun der Beizug unabhängiger Expertinnen und Experten für die Vermittlungsarbeit geprüft. Neu soll der Subventionsvertrag zwischen Stadt und Kunstgesellschaft zudem Verpflichtungen enthalten, welche die umstrittene Sammlung betreffen.

Am Donnerstag hat die Sammlung Bührle reagiert: Sie stünde «einer unabhängigen Evaluation» ihrer bisherigen Forschungsarbeit «positiv gegenüber», teilte sie mit.

Tanner spricht dabei aus eigener Erfahrung: In den 1990er-Jahren war er Teil der Bergier-Kommission. Diese untersuchte die Vermögen, die während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz gekommen waren, also auch NS-Raubkunst.

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Kultur-Talk mit Erich Keller über das Kunsthaus Zürich und Bührle
26:24 min, aus Kultur-Talk vom 18.09.2021.
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Kunsthaus wehrt Vorwürfe ab

Zwar bestreitet Björn Quellenberg, der Mediensprecher des Kunsthauses, vehement, dass die Ausstellung noch Raubkunst enthalte. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sei dies bei keinem der im Kunsthaus befindlichen Werke der Fall.

Allerdings liegt genau da der Knackpunkt. Tanner und mehrere seiner ehemaligen Kolleginnen kritisieren, dieser Forschungsstand sei nicht aktuell. Das Kunsthaus habe sich zu lange auf stiftungseigene Abklärungen berufen.

«Kein wirkliches Interesse an Aufklärung»

Das sei ein Fehler gewesen, rügt Tanner: «Es gab von dieser Stiftung her nie ein wirkliches Interesse an Aufklärung.» Deshalb könne man nicht davon ausgehen, dass ihre Inhouse-Forschung wissenschaftlichen Standards standhalte.

Tanner spielt damit auf ein Ereignis aus der Vergangenheit an: Als die Bergier-Kommission in den Neunzigern bei der Stiftung Bührle nachfragte, hatte diese ihr den Zugang zu den Akten verwehrt. Sie behauptete damals, es gebe kein Archivmaterial mehr zu Bührle. Eine Behauptung, die sich im Nachhinein als falsch herausstellte.

Legende: Die internationale Bergier-Kommission untersuchte von 1996 bis 2001 den Ursprung zahlreicher Vermögenswerte, die während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz gelangt waren. Jakob Tanner (vierter von rechts) war ebenfalls Mitglied der Kommission. KEYSTONE/Alessandro della Valle

Neutrale Expertenkommission soll es richten

Die neueste Forschung habe nun diverse offene Fragen aufgezeigt, so Tanner. Es sei nun am Kunsthaus, diese abzuklären. Er und Kolleginnen der ehemaligen Bergier-Kommission fordern deshalb noch mehr historische Untersuchungen.

Zudem soll die Forschung der Stiftung Bührle durch eine neutrale Expertenkommission evaluiert werden. Weiter fordern die ehemaligen Mitglieder und Mitarbeitenden der Kommission, das Kunsthaus soll die Geschichte der Sammlung transparenter machen. Ausserdem soll der Bund ein unabhängiges Gremium einsetzen. Dieses soll zwischen den Beteiligten vermitteln.

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Sammlung Bührle
Aus Kulturplatz vom 06.10.2021.
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Beim Bundesamt für Kultur gibt man sich zu den Vorwürfen bedeckt. Die Anlaufstelle Raubkunst, die für Verdachtsfälle auf NS-Raubkunst zuständig ist, schreibt auf Anfrage, es liege in der Verantwortung der Beteiligten selbst, eine faire und gerechte Lösung zu finden.

Bund will sich nicht festlegen

Allerdings will die Anlaufstelle Raubkunst den Vorschlag der Gruppe nicht ausschliessen. «Sollte sich das Bedürfnis aufgrund einer Zunahme der strittigen Fälle akzentuieren, könnte die Forderung nach einer externen Kommission erneut geprüft werden», teilt sie mit.

Auch mehrere Monate nach der Eröffnung des neuen Kunsthauses sorgt die Sammlung Bührle weiter für Schlagzeilen. Es scheint, dass die Diskussion um Nazi-Raubkunst in der Schweiz auch mehr als 75 Jahre nach Kriegsende noch längst nicht abgeschlossen ist.

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Aus dem Archiv: Zürcher Kunsthaus eröffnet Erweiterungsbau
Aus Schweiz aktuell vom 08.10.2021.
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Radio SRF 1, HeuteMorgen, 09.11.2021, 06:06 Uhr;

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Koch  (JamesCook)
    Die Schweiz war und ist brauner als man denkt.
    1. Antwort von Matt Frei  (sense against mainstream)
      @Koch
      Das sehe ich ziemlich anders, besonders in unserer Zeit ... rot und röter, mit cancel-culture für alles was rechts von links liegt.
    2. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      @ Frei, Was Sie hier veröffentlichten, ist rechter Mainstream. Zum Glück ziemlich ungetarnt. Leider kann man Herrn Koch nur zustimmen.
  • Kommentar von doris keller  (die zweite)
    die geschichte der bilder und vorbesitzer sollte neben den bildern stehen und nicht irgendwo versteckt in einem raum!
  • Kommentar von Matt Frei  (sense against mainstream)
    DANK Unternehmern wie Bührle hat die Schweiz im zweiten Weltkrieg überlebt und wurde nicht von den Achsenmächten überrannt und unterjocht, wie der Rest von Europa. Waffenlieferungen und eine gewisse Kooperation waren auch Teil dieser erfolgreichen Strategie.
    Mit dem Finger zeigen und aus bequemer heutiger Sicht verurteilen ist immer einfach!
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Unfassbar, in welchem Ausmass Sie Geschichtsklitterung betreiben, Herr Frei.
      Eine Waffenfabrik hätten die Achsenmächte sehr wohl einfach einverleiben können (und hätten nebenher viel Geld gespart). Die Gold- und Geldwaschanlage hingegen, wozu die Schweiz ja vor allem diente, die hätte «einverleibt» nicht mehr funktionieren können.
      Ihr Kommentar darf man insgesamt aber unter Whataboutismus einordnen – denn hier geht es doch eigentlich um ein anderes Thema.
    2. Antwort von Matt Frei  (sense against mainstream)
      @Drack
      Nun Herr Drack, nur weil ich Ihre einseitige Interpretation eines komplexen historischen Zusammenhangs nicht teile, ist das noch lange keine "Geschichtsklitterung".
      Ich stehe zu freier Rede mit Argumenten und auch weiterem Kontext eines Themas, gerade auch für Andersdenkende - cancel culture mit "Whataboutism" ist zeigt bloss, dass man versucht, die andere Meinung in eine Ecke zu stellen, um diese zu disqualifizieren ... eben ohne Argumente.
      Herr Bührle kann sich nicht mehr äussern.
    3. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Herr Frei, für Sie das passende Brecht Zitat: „Wer überfällt schon seinen eigenen Banktresor?»
      Das ist nun mal State of the Art der Geschichtsschreibung