Ausstellung in Thun Spiegel im Spiegel im Museum

Die Ausstellung «Mirror Images – Spiegelbilder in Kunst und Medizin» zeigt Spiegelbilder, die zum Lachen und Nachdenken anregen.

Schwarz-weiss-Foto: Mann spiegelt sich in Pupille Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Kunst durch das Auge der Wissenschaft gesehen und umgekehrt. William Anastasi / Galerie Jocelyn Wolff

Nicht Lachen! Die meisten Menschen kennen das: Sitzt man einer anderen Person gegenüber und schaut ihr minutenlang still in die Augen, ist es gar nicht so einfach, nicht zu lachen, auch wenn nichts Komisches passiert. Und wenn erst einmal einer von beiden lacht, dann ist's meist auch um die Ernsthaftigkeit der zweiten Person geschehen. Neurologen erklären das Phänomen mit Spiegelneuronen im Gehirn.

U-Bahn besetzt mit sich gegenübersitzenden eineiigen Zwillingen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Video von Charlie Todd, der eine U-Bahn mit eineiigen Zwillingen besetzte und so den menschlichen Spiegel schuf. Charlie Todd

Es liegt an den Spiegelneuronen

Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die sowohl aktiv werden, wenn ein Mensch eine Handlung ausübt, als auch wenn er einen anderen Menschen eine Handlung ausüben sieht. Spiegelneuronen, so sagt die Forschung, befähigen uns zu Mitgefühl und Gemeinschaftlichkeit.

Die italienische Künstlerin Marta Dell’Angelo illustriert die Aktivität der Spiegelneuronen in einer Videoarbeit, für die sie Jugendliche gefilmt hat, die sich je paarweise gegenübersitzen und versuchen, nicht zu lachen. Man sieht, wie sie die Stirn runzeln, sich auf die Lippen beissen. Am Ende kichern und prusten und giggeln die allermeisten dann doch.

Kunst begegnet Wissenschaft

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Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «MIRROR IMAGES – Spiegelbilder in Kunst und Medizin» im Kunstmuseum Thun geht noch bis zum 30. April 2017.

Sie wird mit Führungen, Vorträgen und Filmen begleitet.

Marta Dell'Angelos Videoinstallation ist eine der heitersten Arbeiten in der Ausstellung «Mirror Images – Spiegelbilder in Kunst und Medizin» im Kunstmuseum Thun. Eingerichtet wurde die Ausstellung von Museumsdirektorin Helen Hirsch und der freien Kuratorin Alessandra Pace. Der besondere Clou der Ausstellung ist, dass sie künstlerische Arbeiten mit medizinischen Objekten verbindet und so Forschung und freies Reflektieren über die Möglichkeiten des Spiegels engführen will.

Alessandra Pace hat die Ausstellung in ähnlicher Form bereits im Herbst 2016 im Medizinhistorischen Museum an der Charité in Berlin gezeigt. Dort standen zahlreiche wissenschaftliche Dokumente und Apparate zur Verfügung.

Frau sitzt zusammengesunken in einem Sessel, Vorhänge, gelb, sind geschlossen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Künstlerin litt unter Panikattacken. Durch die Fotos gewann sie die Kontrolle zurück. DER Sabina

Von den Spiegelneuronen zum Phantomschmerz

In Thun ist das anders: Die Medizin spielt hier eine Gastrolle. Dabei ist sie mit durchaus interessanten Exponaten vertreten. Da gibt es zum Beispiel einen Kasten, der an der Seite verspiegelt ist. In den Kasten schiebt man die rechte Hand. Die Linke legt man neben den Spiegel. Man beugt sich ein wenig vor, so dass man die linke Hand im Spiegel sieht.

Die rechte Hand im Kasten wird zur Faust geballt. Die linke Hand neben dem Spiegel bewegt man, als kitzele man die Luft. Wenn es klappt, dann spürt man das Kitzeln, das man im Spiegel sieht, an der verborgenen Hand im Kasten. Mediziner experimentieren mit solchen Aparaten, um Phantomschmerzen in amputierten Gliedmassen zu behandeln.

Philosophisches und Kurioses

Marta Dell'Angelos Videos kichernder Teenager sind nicht nur amüsant, sie sind auch eng mit wissenschaftlichen Forschungen verbunden. In diesem Fall mit der Erkundung der Arbeit der Spiegelneuronen. Andere künstlerische Beiträge sind deutlich freier, verfolgen einen eher philosophischen Ansatz.

Zum Beispiel ein Würfel aus grossen Spiegeln von Michelangelo Pistoletti, bei dem sich die spiegelnden Seiten innen befinden. Dort, im für den Betrachter unzugänglichen Innern des Würfels, erzeugen die Spiegel einen unendlichen Raum. Eine formal schlichte, enorm anregende Arbeit.

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Weitere Beiträge

  • Spiegelneuronen sind die Popstars in der Neurologie, dabei wissen wir weniger über sie, als gedacht.
  • Sie steuern massgeblich unsere Wahrnehmung.
  • Und sie schaffen Resonanzen. Gähnen etwa ist wegen ihnen so ansteckend.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Applaus, auch der gilt als Resonanzphänomen.

Der Spiegel als Medium der Selbst- und Welterkenntnis in Kunst und Wissenschaft, das ist ein Ausstellungsthema mit grossem Potential. Doch die Thuner Schau nimmt sich zuviel vor und verliert dabei manchmal den roten Faden. Sie zeigt nicht nur Videos von Schimpansen, die sich im Spiegel entdecken oder Selbtsporträts eines an Alzheimer erkrankten Künstlers, der sich selber verloren geht.

Die Ausstellungsmacherinnen wollen zuviel

Zu den «Kuriosa» der Schau gehören auch ein Foto, das einen sowjetischen Arzt zeigt, der sich mithilfe eines Spiegels den eigenen Blinddarm entfernt und einen der ältesten erhaltenen Fernseher aus dem Jahr 1938.

Was der Fernseher mit Spiegeln zu tun hat? Der Fernseher war damals noch liegend in ein Holzmöbel eingebaut, im aufklappbaren Deckel war innen ein Spiegel befestigt.

Das TV-Bild konnte man – ähnlich wie bei einer alten Spiegelreflexkamera – nur via Spiegel über dem Bildschirm betrachten. Die Welt aus dem TV konnte also nur indirekt rezipiert werden. Aber das ist wirklich ein ganz anderes Thema.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.02.2017, 17:15 Uhr