Es begann alles so vielversprechend. Im Juli 2022 kehrt der von Lucas Cranch geschaffene Altar endlich zurück in den Naumburger Dom. 500 Jahre nach seiner Zerstörung. Ausgestattet mit einem neuen modernen Mittelteil von Maler Michael Triegel, einem Vertreter der Leipziger Schule. Die Feuilletons preisen die sensible Kombination aus altmeisterlichen Maltechniken und modernen Details. Die Stadt Naumburg verzeichnet stolz Touristenrekorde.
Gleichzeitig entbrennt ein denkmalpflegerischer Streit um den Altar. Icomos, das zuständige Unesco-Fachgremium, erhebt überraschend Bedenken, obwohl sie den Malprozess eng begleitet hatten.
Der Altar hätte «beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom». Er beinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten hochmittelalterlichen Stifterfiguren wie Uta von Naumburg. Die Unesco droht dem Dom mit dem Entzug des Labels «Weltkulturerbe».
Altar im Exil
Im Dezember 2022 wird der Altar «um die Gemüter zu beruhigen» in Naumburg abgebaut und befindet sich seither auf Wanderschaft.
Nach Station in Paderborn und im Stift Klosterneuburg in Niederösterreich hat er jetzt für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan gefunden.
Gleichzeitig mehren sich die Stimmen, dass es der Unesco gar nicht so sehr um denkmalpflegerische Belange geht, sondern darum, dass der neugeschaffene Mittelteil von Maler Michael Triegel nicht gefällt: alte Maltechnik, gepaart mit verunsichernder Modernität. Triegel ist bekannt dafür, im Stil von Lucas Cranach zu malen. Die Figuren selbst hingegen porträtieren Menschen von heute: Maria trägt die Züge von Triegels 16-jähriger Tochter Elisabeth; die heilige Anna gleicht seiner Ehefrau Christine und das Jesuskind sieht aus wie ein ganz normaler Säugling.
Unerwarteter Gegenwind
«Ich glaube schon, dass es durchaus auch um meine Handschrift ging. Man hätte vielleicht bei einer anderen Formensprache andere Kompromisse zumindest gesucht. Man hat aber, glaube ich, auch nicht erwartet, dass ein so enormer Widerstand gegen dieses Verdikt ‹das darf da nicht stehen› kommt. Nicht nur in den Medien. Auch in der Gemeinde», sagt Michael Triegel im Dokumentarfilm «Triegel trifft Cranach» von Paul Smaczny.
Fünf Jahre lang hat der Regisseur den Maler bei der Neuschöpfung des Altars und auf Reisen nach Italien begleitet. Michael Triegel hatte noch zu DDR-Zeiten 1987 die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst besucht. «Es war der Traum meiner Kindheit in der DDR, irgendwann nach Florenz reisen zu können. Und so waren eigentlich die Reisen immer nur Reisen im Kopf, Reisen in Büchern, Reisen durch die Kunst. Es war ein Hinausträumen auch aus dieser Enge der DDR; nach Rom und nach Florenz, in meine beiden Traumstädte, die es eigentlich auch bis heute geblieben sind.»
Ausgerechnet in eine dieser Traumstädte, nach Rom, hat es Triegels Altar jetzt verschlagen. Das verschafft den Naumburgern zwei Jahre Zeit, zu besprechen, was es für eine einvernehmliche Lösung für den Altar geben kann. «Ich fürchte, die möchten eben letztlich diesen gotischen Chor rein gotisch lassen. Was ich ehrlicherweise unabhängig davon, dass ich der Maler bin, für Blödsinn halte», kommentiert Michael Triegel den Streit.