Neuenburg hüllt sich in Nebel an diesem Tag. Zur Neueröffnung des «Tour du fantastique» gibt das mittelalterliche Uferstädtchen eine mystische Kulisse zum Besten. Im ehemaligen Gefängnisturm hängen neuerdings Bilder und Zeichnungen, die dem Umland mühelos entsprungen sein könnten: Feuerspeiende Drachen, verflochtene Wälder, spitze Türme, Ritter, Zauberer und Elben – man sieht sie förmlich den Neuenburger See überragen.
Werke von John Howe
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Bild 1 von 4. John Howes «The Dark Tower»: Ein wahrhaft fantastischer Turm – jetzt zu sehen im neu eröffneten «Tour du fantastique». Aus dem Tolkien-Kalender von 1991 (Allen & Unwin, 1990). Bildquelle: HarperCollinsPublishers.
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Bild 2 von 4. Gandalf der Graue: Die Buchfigur aus J.R.R. Tolkiens «Der Herr der Ringe» nimmt bei John Howe Gestalt an. Bildquelle: HarperCollinsPublishers.
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Bild 3 von 4. Moria: Eine Zeichnung aus dem Gesellschaftsspiel «Lord of the Rings» von Reiner Knizia. Bildquelle: Sophisticated Games, 2000.
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Bild 4 von 4. Die Gefährten vor Caradhras: Der tückische Pass im Nebelgebirge stellt Frodo und seine Begleiter im «Herr der Ringe» vor ihre erste grosse Prüfung. Bildquelle: HarperCollinsPublishers.
Ihr Erschaffer, der Kanadier John Howe, lebt seit 40 Jahren in der Westschweizer Stadt, die auch das Neuchâtel International Fantastic Film Festival (NIFFF) ausrichtet. Die rund 250 Zeichnungen, Bilder und Animationen des weltberühmten Illustrators markieren einen eindrucksvollen Auftakt im neu eröffneten Museumsturm. Er gilt neben Allan Lee als einer der wichtigsten Erfinder von Bilderwelten der J.R.R. Tolkien-Werke.
«Tolkien beschreibt die Dinge sehr ungenau, aber die Emotionen beschreibt er sehr tief und zugänglich», sagt Howe. Für den Künstler ist Tolkiens eindringliche Bildsprache das grösste Geschenk: eine unendliche Inspirationsquelle. Seine nahezu fotorealistischen Bilder von Frodo, Gandalf, Drachen, verschlungenen Landschaften und schwebenden Festungen prägen die Vorstellungen von Millionen von Tolkien-Fans.
Pilgerort für Tolkien-Fans
Im einstigen Gefängnistrakt gibt es auch ein extra eingerichtetes Atelier – Fans und Neugierige können Howe dort beim Zeichnen zuschauen. «Es ist eine Einladung an das Publikum, sich mit mir auszutauschen, wenn sie Fragen haben», sagt Howe.
Eine Fangemeinschaft, die sich sonst überwiegend im Internet austauscht, findet hier vorläufig einen Pilgerort. Das neue Fantasy-Museum hat sich denn auch ehrgeizige Ziele gesetzt: Gemäss der Kuratorin Diane Launier rechet man jährlich mit bis zu 50'000 Besuchern.
Vielleicht hinterlässt das malerische Neuenburg bei ihnen ähnliche Eindrücke wie bei Howe. Ausgestattet mit einem Skizzenbuch und Regenschirm streift der 68-Jährige regelmässig entlang dem Doubs oder durch die Areuse-Schlucht auf der Suche nach neuen Sujets. Bei einer seiner Wanderungen in Neuenburg entstand die Zeichnung des Riesenbaums, der später im Film «Der Hobbit» zu sehen ist.
Viele Ursprünge von Mythen und Legenden finden sich im Mittelalter. «Was sagen sie über uns Menschen aus?», fragt sich Howe. Auch Wilhelm Tell sei eine mythische Figur, die eine ganze Nation präge. Für den Künstler existieren stets zwei Welten mit verschiedenen Wahrheiten.
Menschliche Sehnsüchte und Abgründe möchte Howe möglichst glaubwürdig abbilden. Dafür studiert er akribisch Kleidung, Rüstungen, Waffen, Bäume, Burgen – seine Welten sollen einen realistischen Fluchtort schaffen. «Wir wissen, es gibt keine Drachen, doch alle wissen, wie sie aussehen», sagt Howe in einem Video, die zwischen seinen Zeichnungen auf Bildschirmen abgespielt werden.
Die detailreichen Zeichnungen sind hervorragende Filmvorlagen. Für den Regisseur Peter Jackson («Herr der Ringe») wurden sie unverzichtbar. Derzeit arbeitet Howe an der Amazon-Serie «Die Ringe der Macht», die bald in die dritte Staffel geht. Howe bepinselt längst ein kulturelles Fantasy-Gedächtnis. Ganz schweizerisch entsteht derzeit auch ein Drache für die Uhren von Jaquet Droz. Dieser wohnt im Nachbarort La Chaux-de-Fonds.