Gerade jetzt erlebt das berühmte «Christie-Rezept» ein Revival. Zum Beispiel mit der Disney+-Serie «Only Murders in the Building» oder der Netflix-Verfilmung von «The Thursday Murder Club».
Das berühmte «Christie-Rezept»: ein Mord in einem abgeschlossenen Setting voller Verdächtiger. Und wahlweise exzentrische, schrullige Amateur-Ermittlerinnen und -Ermittler, die mit ihrem Scharfsinn den Täter, die Täterin, immer, wirklich immer finden.
Die Geschichten laden ein zum Miträtseln, führen auf falsche Spuren – und überraschen mit einem unerwarteten Ende. Dieses Rezept bewährt sich seit über 100 Jahren.
Hercule Poirot und Miss Marple betreten die Bühne
Zum ersten Mal 1920, in Agatha Christies Erstling «Das fehlende Glied in der Kette»: Eine wohlhabende Lady wird auf ihrem Landsitz ermordet – und Hercule Poirot ermittelt. Der belgische Detektiv wird von nun an zu Christies bekanntesten Figuren gehören: Er ist exzentrisch, stets makellos gekleidet, hat eine Neigung zur Pedanterie, leidet oft unter klimatischen Bedingungen und ist sehr stolz auf seine «kleinen, grauen Zellen».
Christies zweite berühmte Ermittlerin ist Miss Marple. Eine ältere Dame mit ausgesprochenem Beobachtungs- und Scharfsinn, die aber von den meisten unterschätzt wird. Bei der Erwähnung von Miss Marple sehen viele vielleicht Margaret Rutherford vor sich, die in Verfilmungen der 1960er-Jahre eine energische, unerschrockene und robuste Amateurdetektivin verkörpert.
Die Miss Marple in Christies Büchern ist allerdings ein ganz anderer Typ: hochgewachsen, ein wenig zerbrechlich wirkend, immer das Schlechteste von den Menschen erwartend. Beiden Versionen von Miss Marple ist gemeinsam, dass sie harmlos wirken, sich aber von nichts und niemandem täuschen lassen.
Als Hercule Poirot und Miss Marple in den 1920er-Jahren das erste Mal einen Fall lösen, betritt mit ihnen auch eine neue Art von Ermittelnden die Bühne. Es sind keine düsteren Detektive, wie man sie aus den sogenannten «hard-boiled novels» von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler kennt, aber trotzdem vielschichtige Charaktere. Oft mit Augenzwinkern beschrieben. Im Charme dieser Figuren liegt ein wesentlicher Grund für Agatha Christies anhaltenden Erfolg.
Ein Krimi, den das Leben schreibt
Ihre Kriminalromane werden von Anfang an vom Publikum begeistert aufgenommen, auch wenn einige Kritiker ihr «Schulmädchen-Englisch» und die unglaubwürdigen Handlungen bemängeln. Richtig Schub bekommen ihre Bücher, als sie 1926 spurlos verschwindet. Sie ist damals zum ersten Mal verheiratet und Mutter einer siebenjährigen Tochter.
Ihr Auto wird am Ufer eines Sees gefunden, mit noch brennenden Scheinwerfern. Tausend Polizisten suchen nach ihr, nach manchen Berichten beteiligen sich bis zu 15'000 Freiwillige. Flugzeuge und Bluthunde werden eingesetzt. Nach elf Tagen taucht Christie gesund wieder auf: Sie hatte sich unter falschem Namen in einem Kurhotel eingemietet. Über die Gründe ihres Verschwindens wird sie sich nie äussern.
Klar ist, dass sie unmittelbar vorher Schweres erlebt hat: Ihre Mutter stirbt, und ihr Mann teilt ihr mit, dass er sich scheiden lassen will. Das persönliche Drama steigert das Interesse an ihren Büchern. Und von nun an wird man in vielen Figuren innere Konflikte erkennen.
Christie ist begeisterte Hobby-Archäologin
Aber auch ihre glücklicheren Zeiten fliessen ein in Christies Werk. Bei einer Reise in den Orient lernt sie ihren späteren zweiten Ehemann kennen. Er ist Archäologe – und Christie teilt seine Leidenschaft. In Werken wie «Tod auf dem Nil» werden ihre Erlebnisse im Nahen und Mittleren Osten anklingen.
Agatha Christie ist eine Vielschreiberin. Im Lauf ihrer Karriere verfasst sie 66 Krimis, 14 Theaterstücke, weitere Romane und Kurzgeschichten. Zu ihren bekanntesten Werken gehören «Mord im Orientexpress», «Zeugin der Anklage» und «Die Mausefalle». Letzteres ist ein Theaterstück und wird seit 1952 ununterbrochen in London aufgeführt.
Antisemitische und rassistische Stereotype
Aber auch Agatha Christie ist in ihrer Zeit verhaftet und verwendet antisemitische und rassistische Beschreibungen und Stereotype. Das wohl prominenteste Beispiel ist die 1939 erschienene Geschichte «Und dann gab’s keines mehr». Der ursprünglich rassistische Titel war angelehnt an einen alten Kinderzählreim. Auf einen Beschwerdebrief der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League reagiert Christie aber und lässt betroffene Stellen redigieren.
Agatha Christie hat die Kriminalliteratur entscheidend mitgeprägt, auch wenn sie selbst sagt, man sollte sich nie mit der Überzeugung, man sei ein begnadetes Genie, an die Schreibmaschine setzen. Zu ihrem Erfolgsgeheimnis gehören nicht nur die unkonventionellen Ermittlerinnen und Ermittler, der Humor und ein behagliches Setting, wie ein eingeschneites Hotel oder ein luxuriöses Schiff, sondern auch die durchdachte Konstruktion ihrer Geschichten und die klare, präzise Sprache.
Sogar Winston Churchill war ein Fan von ihr
Ihr Publikum ködert sie ausserdem mit der Behauptung, dass das Böse ganz nah sein kann: Mordwaffen stammen oft aus dem Haushalt – Gift gegen eine Insektenplage, Fleischspiesse oder Golfschläger – und eine nahestehende Person entpuppt sich meist als Täterin oder Täter.
Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill soll einst über sie gesagt haben, dass seit Ende des Mittelalters keine andere Frau eine so beeindruckende Karriere mit Verbrechen gemacht habe. Vielleicht hat sich mit Agatha Christie eben doch ein Genie an die Schreibmaschine gesetzt.