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Alltag einer Krimiautorin Christine Brand: «Die Realität ist oft brutaler als meine Bücher»

Sie schreibt Krimis mit realem Kern und lebt heute grösstenteils in Sansibar. Im Gespräch mit SRF berichtet Christine Brand über ihren Schreiballtag, ethische Fragen im True-Crime-Genre, Kritik an ihrem Stil und darüber, was sich verändert, wenn man einen neuen Lebensweg einschlägt.

Christine Brand

Krimiautorin

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Christine Brand (*1973) ist Schriftstellerin und ehemalige Journalistin. Sie arbeitete unter anderem als Gerichtsreporterin für verschiedene Zeitungen sowie für SRF. Seit 2018 lebt sie vom Schreiben. Brand hat zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht. Zudem wirkt sie bei «True Crime Schweiz» als Expertin mit. Aufgewachsen im Emmental, lebt sie heute in Zürich und auf Sansibar.

SRF: Viele Leserinnen und Leser sagen, Ihre Bücher würden sie nicht schlafen lassen.

Christine Brand: Wenn jemand sagt, er oder sie habe das Buch kaum weglegen können, ist das für mich eines der schönsten Komplimente.

Sie selbst schreiben oft nachts. Was ist besonders an dieser Zeit?

Im empfinde die Nacht als sehr inspirierend. Ich habe das Gefühl, dass mehr Energie in der Luft ist, weil viele Menschen dann schlafen. Das hilft beim Schreiben.

Sie leben in Sansibar in Afrika, ihre Geschichten spielen meist in der Schweiz. Wie finden Sie gedanklich in diese Welt?

Ich tauche so stark in die Geschichte ein, dass der Ort keine Rolle mehr spielt. Früher schrieb ich in Sansibar beispielsweise oft Winterhandlungen, heute eher über mildere Jahreszeiten.

Häufig ist ein realer Fall der Startpunkt.

Ihre Romane sind oft von realen Fällen inspiriert. Wo beginnt für Sie die Fiktion?

Häufig ist ein realer Fall oder das psychologische Profil eines Täters der Startpunkt. Danach übernimmt die Fantasie und die Geschichte entwickelt sich in eine andere Richtung.

Sie beschäftigen sich beim Schreiben intensiv mit den Motiven von Tätern. Denken Sie beim Schreiben manchmal auch über sich selbst nach?

Absolut. Die Realität ist oft brutaler als meine Bücher. Gerade wenn ich mich mit Motiven auseinandersetze, frage ich mich manchmal auch: Wann würde ich selbst töten? Nicht konkret, sondern als Gedankengang. Mit dem Bewusstsein, dass auch ich dazu fähig sein könnte.

Sie sind auch beim SRF-Format «True Crime Schweiz» dabei. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um, über reale Verbrechen zu sprechen?

Das ist eine Gratwanderung. Ich finde es wichtig, dass über Verbrechen berichtet wird, weil sie Teil unserer Gesellschaftsgeschichte sind. Gleichzeitig ist entscheidend, wie erzählt wird: sachlich, ohne Sensationslust und mit einem bewussten Blick auf die Opfer.

Sie sagen, die Realität sei oft schlimmer als das, was Sie schreiben.

Es gibt tatsächlich Fälle, die ich niemals in einem Buch verwenden würde, weil sie zu brutal sind. Mich interessiert mehr das Psychologische und das Aufzeigen, dass es nicht nur Schwarz und Weiss gibt.

Mir ist wichtig, dass meine Bücher zugänglich sind.

Manche beschreiben Ihre Bücher als erzählerisch schnörkellos und stark am Plot orientiert. Was lösen solche Rückmeldungen bei Ihnen aus?

Mir ist wichtig, dass meine Bücher zugänglich sind. Ich erhalte auch Rückmeldungen von Menschen, die dank meiner Bücher das Lesen (wieder) für sich entdeckt haben. Dass ich damit eine breite Bevölkerung erreichen kann, ist mir wichtiger als ein formaler literarischer Anspruch.

Schreiben klingt bei Ihnen sehr intuitiv. Ist es trotzdem auch Arbeit?

Als anstrengendste Arbeit empfinde ich den ganzen Prozess, nachdem ich ein Buch fertiggeschrieben habe: mehrfaches Überarbeiten, Lektorat, Korrekturen, Lesetouren. Das ist ein langwieriger Prozess.

Wo fühlen Sie sich heute mehr zu Hause – in der Schweiz oder in Sansibar?

In Sansibar. Dort lebe ich mit sehr viel Freiheit und ohne fixe Termine. Und genau dort habe ich zum ersten Mal wirklich erlebt, was Heimweh bedeutet – nämlich dann, wenn ich nicht dort bin.

Das Gespräch führte Judith Wernli.

Radio SRF 1, Focus, 4.5.26, 20:03 Uhr ; 

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