André Heller und das Wunder der bedingungslosen Liebe

Er zählt zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Multimedia-Künstlern: der Wiener André Heller. Mit 69 legte er jetzt seinen ersten Roman vor: «Das Buch vom Süden». Im Gespräch erzählt Heller, wie er sich früher mit seinen «Ego-Rasereien» quälte – und wie die Geburt seines Sohnes alles änderte.

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Bildlegende: Dunkelhaariger Zampano in den 1980er-Jahren: André Heller wurde bekannt als Chansonnier und Aktionskünstler. Getty Images

Früher pflegte der Tausendsassa André Heller sein Image als rastloser, dunkelhaariger Zampano, der in eindringlichen Liedern den Weltschmerz besang, mit überraschenden Spektakeln ganze Stadien füllte und sich offensichtlich gerne im Rampenlicht sonnte.

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Bildlegende: André Heller an einer Lesung in Köln, März 2016. imago/Horst Galuschka

Enorme Selbstzweifel

Heute – mit 69 Jahren und mittlerweile ergrautem Haupt – wirkt der Wiener gelassen, bescheiden und in grossem Masse selbstkritisch.

Verblüffend ehrlich gibt er zu, dass sein oft arrogantes Auftreten nur eine Maske gewesen sei. Denn hinter dem selbstverliebten Macho und Frauenhelden habe sich ein Mensch mit enormen Selbstzweifeln versteckt.

Jahrelang sei er nach jeder noch so erfolgreichen Premiere in ein dunkles Loch gefallen und habe gegen die Dämonen der Depression gekämpft.

«Ich bin am Morgen in einem Feind aufgewacht und am Abend in einem Feind eingeschlafen. Nie war etwas gut genug; nie fand ich zu einem Selbstwertgefühl, an das ich glauben konnte.» Es sei ihm stets ein Rätsel gewesen, warum er – der Millionen von Leuten zu begeistern vermochte – mit sich selber keine Freundschaft zustande brachte.

Mit dem Sohn kam die Wende

Erst die Geburt seines Sohnes, 1988, leitete für André Heller eine Wende ein: «Plötzlich realisierte ich, dass es bedingungslose Liebe gibt.» Dieses kleine Wesen habe ihm einen völlig neuen Zugang zu seiner eigenen Gefühlswelt ermöglicht. «Mir war klar, dass mein Kind nichts falsch machen kann. Ich werde ihm immer als Vater beistehen.»

Diesen Rückhalt hatte André Heller in seinem Elternhaus – wie er betont – nie kennengelernt. Umso stärker wollte er nun seinen Sohn anders aufwachsen lassen und ihn vor jeglichem Unrecht schützen.

Die Macht der Gedanken

Das Wunder der «bedingungslosen Liebe» löste im damals 41-jährigen Künstler einen jahrelangen Denkprozess aus. Er habe selber gestaunt, wie es möglich gewesen war, quasi über den Kopf sich selber umzuprogrammieren, sagt André Heller rückblickend.

Fast mitleidig erinnert er sich an sein früheres Ich: «Diese ganzen Ego-Rasereien, dieses oft so herablassende Auftreten, all dies war von meinen Gedanken gesteuert gewesen – und mir wurde klar: Wenn ich mein Bewusstsein verändere, werde ich auch eine andere Wirklichkeit erleben.»

André Heller ist überzeugt, dass sehr viele Menschen ihrer Umgebung etwas vormachen und auch eines Tages mit Schrecken realisieren, dass sie mit anderen liebevoller umgehen als mit sich selber. «Was für ein Fehler: Denn solange man nicht solidarisch ist mit den Bedürfnissen seiner Seele, kann man kein glückliches Leben führen.»

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Buchhinweis

André Heller: «Das Buch vom Süden». Zsolnay, 2016.

Der Rat des Poker-Lehrers

Zu dieser Erkenntnis kommt auch Julian Passauer, Hauptfigur in Hellers Romandebut «Das Buch vom Süden». Er verdankt seinem Poker-Lehrer und Mentor den entscheidenden Impuls.

Dieser hatte ihm nämlich ein Kuvert mit drei Weisheiten überreicht und ihm versichert, es handle sich dabei «um die Säulen des Spiels der Spiele, das auch Leben genannt wird»:

  1. Werde Dich Deines Egos bewusst, und dann löse es langsam, aber sicher auf, bis Du davon nur mehr die unverzichtbare Mindestmenge besitzt.
  2. Zeige so viel Dankbarkeit wie nur möglich.
  3. Liebe ist nur Liebe, wenn sie bedingungslos ist.

Das tönt doch sehr danach, als hätte André Heller seine eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen literarisch verarbeitet.

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