Zum Inhalt springen

Header

Audio
Buchbesprechung: «Der Halbbart» von Charles Lewinsky
Aus Kultur-Aktualität vom 28.08.2020.
abspielen. Laufzeit 03:54 Minuten.
Inhalt

Buchkritik Charles Lewinsky zeigt, welche Macht Geschichten haben

«Der Halbbart» handelt von Schweizer Mythen und vom Geschichtenerzählen. Der neue Roman des Zürcher Autors ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Es ist eine harte, raue Welt, die geprägt ist von Gewalt, Hunger, Glaube und Aberglaube. Charles Lewinskys neuer Roman «Der Halbbart» spielt im Mittelalter in der Innerschweiz. Die meisten Menschen können weder lesen noch schreiben. Himmel und Hölle sind für sie allgegenwärtig.

Historischer Roman und Reflexion über das Erzählen

Es ist eine Welt, in der viel Blut fliesst. Anfang des 14. Jahrhunderts stritten die Schwyzer im sogenannten «Marchenstreit» mit dem Kloster Einsiedeln über Grenzen und Nutzung von Wald- und Weideflächen.

Am Dreikönigstag stürmten sie das Kloster, das unter dem Schutz der Habsburger stand, plünderten es und nahmen die Mönche gefangen. Der Überfall gilt als eine der Ursachen für die Schlacht am Morgarten.

Lewinskys Roman handelt von diesem Mythos der Schweizer Geschichte. Allerdings geht es dem Autor ums Geschichtenerzählen.

Buchhinweis

Box aufklappenBox zuklappen

Charles Lewinsky: Der Halbbart. Diogenes Verlag, 2020.

Coming-of-Age-Geschichte

Der Roman wird erzählt aus der Sicht von Eusebius, kurz Sebi genannt, ein einfacher Junge im Alter von 12 bis 14 Jahren. Er ist ein «Finöggel» und eignet sich weder für die Feldarbeit noch als Handwerker oder Soldat.

Nach dem Tod seiner Eltern kommt er ins Benediktinerkloster Einsiedeln. Das Leben dort ist aber nicht so, wie Sebi sich das vorgestellt hat. Es ist kalt. Er wird geschlagen. Das Essen ist knapp. Die Mönche tun nur fromm, sind es aber nicht. Als Sebi für den Klostervorsteher eine Kinderleiche beseitigen soll, läuft er weg.

Audio
Im «Tagesgespräch»: Charles Lewinsky: Neues Jahr, alte Probleme?
26:15 min, aus Rendez-vous vom 04.01.2019.
abspielen. Laufzeit 26:15 Minuten.

Im Verlauf des Romans erzählt Sebi, wie er seine Berufung findet, seinen Platz in der Gesellschaft, wie er erwachsen wird. Seine Leidenschaft ist es, sich Geschichten anzuhören und auszudenken. «Erzählen ist wie Seichen: Wenn man einmal damit angefangen hat, ist es schwer, wieder aufzuhören», so Sebi im Roman.

Der Halbbart: Flüchtling und Mentor

Die titelgebende Figur, der Halbbart, ist ein rätselhafter Fremder, der plötzlich im Dorf auftaucht. Die Menschen nennen ihn so, weil ihm wegen Verbrennungen nur ein halber Bart wächst. Seinen richtigen Namen kennt niemand. Er ist Jude, aus Österreich und vor den Habsburgern geflohen.

Audio
Feuilletongast: Der Schriftsteller Charles Lewinsky
30:16 min, aus Kultur kompakt vom 28.03.2017.
abspielen. Laufzeit 30:16 Minuten.

Der Halbbart wurde des Hostienfrevels beschuldigt und landete deshalb auf dem Scheiterhaufen. Er entkam dem Tod nur knapp, Rebekka – vermutlich seine Tochter – jedoch nicht. Dieses Leid trägt er fortan mit sich herum und misstraut deshalb den Menschen.

Dank seiner medizinischen Kenntnisse gelingt es ihm aber, sich halbwegs in die Dorfgemeinschaft einzufügen.

Charles Lewinsky

Box aufklappenBox zuklappen
Mann mit Brille
Legende: SRF / Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Charles Lewinsky, Link öffnet in einem neuen Fenster gibt's auf der SRF-Literaturplattform «Ansichten», Link öffnet in einem neuen Fenster.

Der Halbbart wird zu Sebi's Mentor. Er lehrt ihm das Schachspielen und eröffnet ihm durch Geschichten die Welt – auch wenn Sebi nicht immer alles versteht, was der Halbbart erzählt.

Geschichtenerzählen schafft Realitäten

Der fast 700 Seiten lange Roman mit seinen kurzen Kapiteln liest sich leicht. Lewinsky verwendet viele schweizerdeutsche Ausdrücke. So gibt er dem Roman Zeit- und Lokalkolorit.

An einigen Stellen, an denen man einfach gerne erfahren möchte, wie es weitergeht, macht Sebi in der Geschichte noch einen «Schlenker». Das lässt den Roman teils etwas langatmig wirken. Das Positive überwiegt aber.

Vor allem zeigt Lewinsky eindrücklich, welche Macht Geschichten haben und welche schrecklichen Realitäten daraus entstehen können.

Radio SRF2 Kultur, Kultur Aktualität, 28.08.2020, 07:20 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Enrico Herzig  (Gatto)
    Seit zwei Wochen lese ich den Halbbart und bin stets fasziniert. Ausserhalb tobt die Coronoia. Parallelen zur Geschichte sind unübersehbar, die Lügen der Obrigkeit, die Suche nach Macht und Unterdrückung, die Verweigerung eines logischen Diskurses...Etwas Trost in diesem Schlamassel. Übrigens finde ich diese helvetische Sprache genial.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
    Die "Fiktion", Zitat Herr Sand untenstehend, ist so fiktiv gar nicht. "Der Halbbart" hat mich oft zum Schmunzeln gebracht, weil ich darin an die Erzählungen meines Vaters erinnert wurde, an die Ägerer, die es mit den Fäusten ja recht locker drauf hatten, noch keine 100 Jahre ist's her. Die "Fiktion" hat jedenfalls mich ins Ägerital versetzt, und ich habe keine Mühe damit, die Schlacht "am Viertel ab Eis" unter diesem Kontext zu sehen. Nur schon die Protagonisten sind meisterhaft beschrieben!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Hanspeter Zaugg  (rägetag)
    "Melnitz" ist ein Jahrhundert Buch , und Lewinsky ein Schriftsteller der von der Kritik meist verschmäht wird. Ich wünsche CH.L dass sein neuer Roman geles und gelesen und gelesen und.... Viel Glück
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten