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Taiwans Umwelt-Schriftsteller Wu Ming-Yi
Aus Kontext vom 23.01.2023. Bild: Getty Images
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Climate Fiction Die Klimakrise erobert die Literatur

Lange spielte das Klima nur in Science-Fiction-Romanen eine Rolle. Jetzt handeln immer mehr Gegenwartsromane davon. Vom Aufstieg eines Themas.

In Franziska Gänslers Roman «Ewig Sommer» brennt ein Wald. In «Hitzewelle» von Fabienne Maris ächzt die Schweiz unter extremen Temperaturen, genauso in «Leoparda» von Anja Schmitter.

Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Romane, die alle 2022 erschienen: Weder Gänsler noch Maris oder Schmitter beschreiben die lähmenden Sommer in ihren Texten als etwas Ungewöhnliches. Die Hitze ist einfach da. Gehört längst dazu und dient als Kulisse für andere Themen, zwischenmenschliche Beziehungen etwa.

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«Ewig Sommer»: Climate Fiction von Franziska Gänsler
aus Kultur-Aktualität vom 04.10.2022.
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Ein Boom mit Ansage

Für Literatur, die sich mit Klima- oder Umweltthemen befasst, hat sich der Begriff «Klimafiktion» oder «Climate Fiction» (kurz: «Cli-Fi») etabliert. Nicht nur die drei genannten Debütantinnen üben sich auf diesem Gebiet. Im Gegenteil: In immer mehr Gegenwartsromanen spielt das Thema eine Rolle.

«Die Tendenz ist eindeutig, und sie verwundert mich nicht im Geringsten», sagt der Literaturkritiker Martin Zähringer, der das Climate Cultures Network in Berlin gegründet hat. Mit diesem Verein versucht er, Kunstschaffende «an der Schnittstelle von Klima, Krise und Kultur» miteinander zu vernetzen.

Raus aus der Nische

Warum Martin Zähringer der Cli-Fi-Boom nicht wundert: «Die Klimakrise ist inzwischen so gegenwärtig, so unübersehbar. Wenn Literatur sich als ernsthafte Kunst versteht, dann muss sie sich damit befassen. Dann kommen Autorinnen und Autoren gar nicht drumherum, das Thema aufzugreifen», sagt er.

Bis vor einigen Jahren habe das Klima fast nur in Science-Fiction-Romanen oder Thrillern eine Rolle gespielt. Man denke etwa an «Der Schwarm» von Frank Schätzing. «Cli-Fi galt als Sub-Genre von Sci-Fi», so Zähringer. «Aus dieser Nische ist das Thema nun in den Gegenwartsroman geschwappt.»

Der Vorreiter der «Klimafiktion»

Einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren und Vorreiter in Sachen «Klimafiktion» ist Kim Stanley Robinson. In seiner Mars-Trilogie aus den 1990er-Jahren geht es um die Besiedlung des Mars – und damit um die künstliche Erschaffung eines Klimas, in dem Menschen leben können.

Mann mittleren Alters im Gespräch vor einer Bücherwand.
Legende: Gilt seit seiner «Mars»-Trilogie als in Vorreiter in Sachen «Klimafiktion»: der US-amerikanische Autor Kim Stanley Robinson. Getty Images / SFX Magazine

Seitdem hat Robinson das Thema «Klima» nicht mehr losgelassen. Zuletzt legte er mit «Das Ministerium der Zukunft» eine Utopie vor. Eine Utopie, in der die Menschheit durch gemeinsames Handeln einen Ausweg aus dem Desaster findet.

Der Grossteil der klimafiktionalen Werke ist allerdings dystopischen Charakters.

«Der Weltuntergang hat schon begonnen»

Als Schweizer Cli-Fi-Pionier gilt Franz Hohler. Von ihm stammt beispielsweise das Lied «Der Weltuntergang». Darin geht es um einen kleinen Käfer. Dieser stirbt aus. Und in der Folge gerät das gesamte ökologische Gleichgewicht der Erde aus den Fugen.

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Aus dem Archiv: Franz Hohlers «Weltuntergang» (1983)
Aus Radio SRF 1 vom 24.08.2020.
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Der Text stammt aus dem Jahr 1973. Und er zeigt auf so simple wie weitsichtige Weise, dass alles miteinander zusammenhängt. Hohlers Lied endet mit den Worten: «Ich bin sicher / der Weltuntergang, meine Damen und Herren / hat schon begonnen.»

Plötzlich Bestseller

Zurück zum Boom der Cli-Fi in der zeitgenössischen Belletristik: Während Franziska Gänsler, Fabienne Maris und Anja Schmitter die Klimakrise in ihren Debüts lediglich als Kulisse nutzen, ist sie in vielen anderen Romanen das vordergründige Thema.

Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde zum Beispiel hat eine ganze Buchreihe über den Klimawandel verfasst. Ihr «Klimaquartett» entstand zwischen 2015 und 2020. Ungeschönt, spannend und anhand nahbarer Figuren beschreibt Lunde die Folgen menschlicher Umweltsünden.

Beispiele für jüngst erschienene Klima-Romane

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  • Franziska Gänsler: «Ewig Sommer», Verlag Kein & Aber, 2022.
  • Jens Liljestrand: «Der Anfang von morgen», S. Fischer, 2022.
  • Fabienne Maris: «Hitzewelle», 160 Seiten, Atlantis-Verlag, 2022.
  • Anja Schmitter: «Leoparda», Lenos-Verlag, 2022.
  • Simone Weinmann: «Die Erinnerung an unbekannte Städte», Verlag Antje Kunstmann, 2021.
  • Wu Ming-Yi: «Der Mann mit den Facettenaugen», Matthes & Seitz Berlin, 2022.

Lunde ist es damit gelungen, die Annahme zu widerlegen, im klassischen Roman wolle so etwas niemand lesen. Ihre Bücher wurden internationale Bestseller.

Die Verlage werden mutiger

Maja Lunde kann als eine Wegbereiterin für andere Cli-Fi-Autorinnen und -Autoren bezeichnet werden. Vor ihr galt Klimafiktion in der Belletristik vor allem als «schwer verkäuflich». Doch das hat sich geändert.

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Maja Lunde: Die Autorin des «Klima-Quartetts»
aus Kontext vom 08.10.2019. Bild: Sabine Gudath
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«Klimafiktion» ist jetzt ein Label, auf das die Verlage bei der Vermarktung ihrer Bücher setzen. Es soll zeigen: Wir sind am Puls der Zeit. Dank dieser Entwicklung schaffen es nun auch Texte auf den Markt, für die sich vor zehn Jahren kein deutschsprachiger Verlag interessiert hätte.

«Nicht die Moralkeule schwingen»

Wu Ming-Yi zum Beispiel feiert weltweit schon lange grosse Erfolge, sogar für den Man Booker International Prize war er nominiert. Er gilt als wichtigster zeitgenössischer Schriftsteller Taiwans.

Trotzdem war bis zu diesem Jahr noch kein einziger seiner Klima-Romane in deutscher Übersetzung erhältlich. Erst jetzt ist mit «Der Mann mit den Facettenaugen» einer herausgekommen. Das Original stammt aus 2011.

Ein Mann mit Brille und Basekenmütze,
Legende: Schreibt gegen den Klimawandel an: der taiwanische Autor Wu Ming-Yi. Getty Images

«Der Mann mit den Facettenaugen» ist ein aussergewöhnliches und faszinierendes Buch. Es handelt von einem riesigen Müllstrudel, der aus dem Pazifik auf die Küste Taiwans zurollt.

«Mit meinen Büchern will ich nicht die Moralkeule schwingen», sagt der 51-jährige Autor. «Ich will einfach anhand von Figuren und Geschichten zeigen, welche Auswirkungen unser Raubbau an der Natur hat.» Er hoffe, dass eine Unternehmerin oder ein Politiker nach der Lektüre vielleicht doch einmal eine Entscheidung im Sinne der Natur fällt.

Allein auf die Wirkung der Literatur verlassen mag Wu Ming-Yi sich aber nicht. Neben dem Schreiben engagiert er sich deshalb als Umweltaktivist.

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Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 2.12.2022, 16:30 Uhr

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